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Humboldt-Universität zu Berlin - Institut für Sozialwissenschaften

Über das ISW

1.   Unser gemeinsames Verständnis von Sozialwissenschaften

Das gemeinsame Selbstverständnis der Sozialwissenschaften, also die Art und Weise unserer Forschung, umfasst folgende Punkte:

(1) Thematisch: Es geht uns stets um „Problemorientierte Analysen der Dynamiken moderner Gesellschaften und politischer Regime“.

(2) Forschungsdesign: Alle diese Analysen erfolgen theoretisch orientiert, methodisch angeleitet und empirisch abgesichert.

(3) Typus der Sozialwissenschaften: Auch wenn die Sozialwissenschaften, die wir betreiben wollen, sich primär als empirisch-analytische Wirklichkeitswissenschaft verstehen, schließt das nach unserem Verständnis eine kritische und normative Perspektive mit ein.

(4) Thematische Integration: Das Institut für Sozialwissenschaften zeichnet sich durch die Verbindung   von Politikwissenschaft und Soziologie aus. Alle   Arbeits- und Forschungsthemen können so integral aus zwei verschiedenen sozialwissenschaftlichen Perspektiven bearbeitet werden.

(5) Interdisziplinarität: Sozialwissenschaftliche Forschung am ISW weist eine große Offenheit gegenüber anderen Disziplinen auf. Enge Verbindungen bestehen unter anderem zu den Gender Studies, zur Geschichtswissenschaft, zur Europäischen Ethnologie, zur Kulturwissenschaft, zur Rechtswissenschaft, zur Ökonomie und zur Psychologie sowohl innerhalb der HU als auch darüber hinaus.

Nimmt man diese fünf Punkte zusammen, dann legt das einen Typus von Sozialwissenschaften nahe, der sich durch folgende sieben Eigenschaften näher charakterisieren lässt:

(1) Theoretische Offenheit: Auch wenn häufig die „Multiparadigmatase“ (Niklas Luhmann) in den Sozialwissenschaften beklagt wird, erachten wir ein multiples Theorieangebot nicht als Schwäche, sondern als Stärke. Es ermöglicht die Behandlung einer Problematik aus mehreren Blickwinkeln und theoretischen Perspektiven und führt zu einem umfassenderen Bild sozialer Phänomene.

(2) Methodische Pluralität: Am ISW soll die Forschungsfrage die Methodenwahl bestimmen und nicht umgekehrt. Das schließt die Kombination von quantitativen und qualitativen Methoden ein. Die Sozialwissenschaften, so wie wir sie verstehen, legt Erklären und Verstehen nahe. Nur auf dieser Basis lässt sich auch eine kritische oder normative Beurteilung des infrage stehenden Phänomens erzielen.

(3) Komparative Perspektive: Die problemorientierte Analyse der Dynamiken moderner Gesellschaften und Demokratien benötigt insbesondere eine komparative Perspektive, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede eines sozialen oder politischen Phänomens herauszuarbeiten erlaubt.

(4) Reflektierte Wissenschaft: Die Sozialwissenschaften sind stets Teil der Gesellschaften und Demokratien, die sie untersuchen. Deshalb sollte die Forschung immer auch eine „reflexive“ Dimension beinhalten, die diesem Umstand Rechnung trägt.

(5) Problemorientierte Grundlagenforschung: Die Forschung am ISW versteht sich in erster Linie als sozialwissenschaftliche Grundlagenforschung. Dies schließt anwendungsorientierte Forschung nicht aus (wie bspw. Auftragsforschung für Stiftungen, Verbände oder Ministerien), aber der Schwerpunkt liegt in der theorieorientierten, gleichwohl empirisch fundierten Bearbeitung sozialwissenschaftlicher Grundfragen.

(6) Drittmittel: Die Qualität der Forschung misst sich nicht an der Höhe der eingeworbenen Drittmittel. Dennoch ist das ISW stets bestrebt, aktiv Drittmittel einzuwerben und das Drittmittelvolumen auszubauen. Dabei    gebührt wissenschaftsnahen Drittmitteln der Vorrang.

(7) Internationalität: Forschung am ISW zeichnet sich durch die intensive Einbettung in internationale Netzwerke sowie Lehr- und Forschungszusammenhänge aus.

 

 

2.    Die Struktur der Lehrbereiche

Die Struktur der Lehrbereiche bildet zum einen den Grundkanon der Fächer Soziologie und Politikwissenschaft ab. Zum anderen schlagen stärker an thematischen Schwerpunkten orientierte Denominationen Brücken zwischen den beiden Fächern.

Für die Politikwissenschaft bedeutet das, die vier Eckpfeiler der Disziplin durch entsprechende Professuren abzudecken: (a) Politische Theorien und Ideengeschichte, (b) Regieren und Regierungssystem der Bundesrepublik, inkl. Regieren in Mehrebenensystemen, dann (c) Internationale Politik und schließlich (d) Vergleichende Politikwissenschaft.

Für die Soziologie sind die vier Eckpfeiler (a) Soziologische Theorien und Grundlagen, (b) Makrosoziologie, (c) Mikrosoziologie und schließlich (d) die Methoden der Sozialwissenschaften.

Diese acht Bereiche markieren die disziplinären Grundlagen der beiden beteiligten Disziplinen. Alle anderen Denominationen können inhaltlich neu ausgerichtet werden. Diese Professuren sind für die Fähigkeit des Instituts, seinen Aufgaben in Forschung und Lehre nachzukommen, nicht weniger zentral als die durch den Grundkanon der Fächer definierten Lehrbereiche. Sie bilden vielmehr das spezifische Profil des Instituts für Sozialwissenschaften.

 

 

3.   Thematische Schwerpunkte am ISW

Für die Integration von Soziologie und Politikwissenschaft am Institut  für Sozialwissenschaften über gemeinsame thematische Schwerpunkte sind zunächst drei Sachverhalte relevant:

(1) Beide Disziplinen arbeiten mit im Kern gleichen oder zumindest sehr ähnlich gelagerten Theoriekonzepten, wie etwa funktionaler Differenzierung, Institutionentheorien, Rational-Choice- und Sozialisationstheorien (oder anderen Formen der Mikrofundierung sozialen Handelns), relationalen und Interdependenz-Theorien sowie normativen Handlungskonzepten und poststrukturalistischen Ansätzen, die integratives Arbeiten grundsätzlich ermöglichen.

(2) Methodologisch sind nicht nur die etablierten empirischen Verfahren oder der wissenschaftstheoretische Zugriff in beiden Disziplinen weitgehend identisch, sondern auch die vergleichende Perspektive, die auch hier am ISW prominent ist. Eine traditionelle Stärke des Instituts ist die gründliche Ausbildung der Studierenden in den quantitativen Methoden und der Umfrageforschung. Qualitative Verfahren und (quasi-)experimentelle Untersuchungsformen werden gleichberechtigt und abgestimmt auf die konkreten Problemstellungen vermittelt. Ein hohes Niveau an kreativen und innovativen Methoden als Kern von Lehre und Forschung zeichnet das Profil des Instituts aus.

(3) Da wissenschaftliches Wissen in modernen Gesellschaften omnipräsent und geradezu konstitutiv ist, wird auch Wissenschaft selbst zum notwendigen sozialwissenschaftlichen Forschungsgegenstand. Wissenschaft prägt die natürliche und soziale Lebenswelt moderner Gesellschaften einschließlich ihrer Reflektion und Selbstreflektion. Theoretische und empirische Arbeit in den Sozialwissenschaften muss sich in der Folge auch mit Fragen nach der spezifischen Rolle von Wissenschaft sowie den Möglichkeitsbedingungen von Erkenntnis in modernen Gesellschaften beschäftigen.

 

Die folgenden fünf Schwerpunkte prägen das Profil des Instituts für Sozialwissenschaften:

 

Politische Theorie und Sozialtheorie

Theorien spielen in allen sozialwissenschaftlichen Teildisziplinen eine Rolle. Die Theorie kann daher als Querschnittsthema der inhaltlichen Arbeit am Institut verstanden werden, was sich u. a. in einer Beschäftigung mit Theorien der Ungleichheit, Demokratie- und Institutionentheorien, (Mikro-)Theorien des menschlichen Verhaltens, Theorien der Migration und der Diversität, Theorien der Urbanisierung, Geschlechtertheorien, Theorien der Arbeit sowie Theorien der Internationalen Beziehungen, Kriegstheorien und Theorien der Wissenschaftsforschung niederschlägt. Konstitutiv ist hierbei die begrifflich-konzeptionelle wie historisch-kontextuelle Bestimmung des Verhältnisses zwischen politischen und sozialen Praktiken, Strukturen und Bewegungen auf der einen sowie politischen und sozialen Ideen, Theorien und gesellschaftlichen Selbstbeschreibungen auf der anderen Seite. Theorien werden als mögliche Antworten auf politische und gesellschaftliche Herausforderungen begriffen. Die in theoretischen Texten entwickelten Argumente werden daher als Wechselspiel zwischen empirisch-deskriptiver Bestandsaufnahme, Problemdiagnose und der Konzeption von möglichen Lösungsoptionen analysiert.

 

 

Soziale und politische Ungleichheiten

Moderne Gesellschaften und Demokratien befinden sich in einem Spannungsfeld zwischen politischer Gleichheit und sozialer Ungleichheit. Der Forschungsschwerpunkt „Soziale und politische Ungleichheiten“ befasst sich sowohl mit den unterschiedlichen Ausprägungen, den damit verbundenen Konflikten, den Ursachen wie auch mit den Legitimationsmustern von Ungleichheit. Soziale Ungleichheiten  resultieren dabei aus der Ungleichverteilung und intergenerationalen Transmission von ökonomischem, sozialem und kulturellem Kapital, sie können aber auch durch zugeschriebene Differenzkategorien wie Alter, Geschlecht oder Ethnizität vermittelt sein und sozialstaatlich moderiert werden. In der globalisierten Welt entstehen sie zudem durch die unterschiedliche Eingebundenheit in internationale Produktions- und Finanzregime und überspringen somit die Grenzen der nationalstaatlich organisierten  Gesellschaften. Politische Ungleichheiten sind häufig gesellschaftlich codiert wie etwa das Interesse an und das Wissen über Politik, das klassen-, schicht- und milieuspezifisch variiert. Darüber hinaus ergeben sich politische Ungleichheiten aus der differenziellen Verteilung von Staatsbürgerrechten.

 

 

Demokratie und Transformation

Im Zentrum von Forschung und Lehre steht die Analyse des Zusammenwirkens von Akteuren und Institutionen in demokratischen Regimen und sich transformierenden Systemen. Besonderes Augenmerk liegt auf den Entstehungsbedingungen, der Funktionslogik, der Legitimation und dem Wandel politischer Institutionen sowie den Auswirkungen von Institutionen auf Akteurshandeln und Leistungsfähigkeit und Qualität der Demokratie. Das schließt die vergleichende Analyse von Defiziten und Krisen etablierter Demokratien ebenso ein wie die Untersuchung von politischen Transformationsprozessen im gesamten Kontinuum von stabilen Autokratien, über hybride Systeme bis zu neuen Demokratien. Die vergleichende Demokratieforschung richtet sich problemorientiert auf alle Aspekte des politischen Prozesses (Wahlen und Bürgerbeteiligung, Interessenvermittlung, öffentliche und parlamentarische Willensbildung und Regieren) und alle Ebenen von Akteuren einschließlich der demokratischen Beteiligung in Mehrebenensystemen und auf globaler Ebene. In geographischer Hinsicht konzentriert sich die Arbeit des Schwerpunktbereichs auf intra- und interregionale Vergleiche der politischen Systeme in West-, Mittel- und Osteuropa und der islamischen Welt, nimmt aber gegebenenfalls auch andere Weltregionen in den Fokus.

 

 

Arbeit und Lebensführung

Die Veränderungen von Arbeit, Geschlecht und privater Lebensführung werden aus handlungs-, organisations- und institutionentheoretischen sowie international vergleichenden Perspektiven betrachtet. Arbeit wird als zentrale Dimension sozialer Ungleichheit und gesellschaftlicher Machtverhältnisse und im Gesamtzusammenhang von Arbeit und Leben betrachtet. Die gesellschaftliche und betriebliche Organisation von Arbeit wird in verschiedenen sozial- und politökonomischen wie auch sozialhistorischen Kontexten und in ihren Wechselwirkungen mit individuellen Lebensverlaufsmustern erforscht (z. B. Care and Career). Neben den makro- und mesoanalytischen Perspektiven auf sozialstrukturelle und institutionelle Umbrüche der Arbeitsgesellschaft werden auf mikroanalytischer Ebene auch Sozialisationsprozesse in Bezug auf Arbeit, Lebensführung, Geschlecht und Familie in den Blick genommen. Schließlich wird entlang explizierter kritisch-normativer Maßstäbe untersucht, welche Konsequenzen die aktuellen Entwicklungen von Arbeit und Lebensführung für soziales und politisches Handeln und die Entstehung neuer Formen von sozialen Beziehungen und kollektivem und zivilgesellschaftlichem Handeln mit sich bringen und welche Auswirkungen sie auf Prozesse sozialer Integration, soziale Ungleichheit, soziale wie geographische Mobilität und demographische Entwicklungen haben.

 

 

Migration und die urbane Welt

Die erste Säule dieses Bereichs fokussiert auf Migration und Citizenship. Migration als soziopolitisches Feld ist ein herausragendes Beispiel für Prozesse der Globalisierung und Transnationalisierung. Migrant_innen verkörpern Kräfte der Globalisierung, die staatliche Souveränität und Kontrolle sowohl herausfordern als auch bestätigen. Migrationsprozesse ermöglichen es, die sozialen, ökonomischen, politischen und kulturellen Dynamiken und Konflikte zu untersuchen, die entstehen, wenn Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen miteinander in Kontakt kommen. Insbesondere gilt unsere Aufmerksamkeit den sozialen Spaltungen an den Schnittstellen von Ethno-Nationalität, Gender, Race, Religion und sexueller Orientierung.

Eng verbunden mit dem Thema Migration ist das Leben in (globalisierten) Städten, das die Menschen vor neue Herausforderungen im Hinblick auf den Zugang zu Rechten und Ressourcen stellt; darüber hinaus führt die Globalisierung zu lokal-spezifischen Konfigurationen von Citizenship. Während sich bestimmte Städte und Nachbarschaften durch sozial-räumliche Vorteile auszeichnen, reproduzieren andere den ungleichen Zugang zu Ressourcen oder tragen sogar zur Entstehung urbaner Ungleichheit bei. Die Frage nach den Mechanismen von In- und Exklusion lässt sich dabei sowohl theoretisch als auch empirisch bearbeiten, etwa im Hinblick auf Prozesse der Gentrifizierung, des städtischen Verfall, des Wandels sozialer Infrastruktur (Netzwerke und Sozialitäten) und der Rolle spezifischer Orte für die Stadt (wie Einkaufsstraßen, Kirchen, Schulen, und anderen lokalen Institutionen).

 

4.    Lehr- und Lernkultur

Die Lehrenden des ISW fühlen sich dem Ideal Humboldts von der Einheit von Lehre und Forschung und der Persönlichkeitsentwicklung durch wissenschaftliche Ausbildung verpflichtet. Das ISW setzt deshalb bei seinem Bachelor- und Masterangebot sowie in dem strukturierten Doktorandenprogramm der Berlin Graduate School of Social Sciences (BGSS) auf eine fundierte Vermittlung der Grundlagen der Politikwissenschaft und Soziologie sowie der quantitativen Methoden und darauf aufbauend auf ein breites Spektrum an Spezialisierungsmöglichkeiten. Die intensive Grundlagenvermittlung soll es den Studierenden erlauben, sich kritisch mit vorhandenen Wissensbeständen auseinanderzusetzen und früh eigene Forschungswege einzuschlagen. Eine an aktuellen Forschungsprojekten orientierte Ausbildung fördert im weiteren Studienverlauf die wissenschaftlich-praktische Kompetenz der Studierenden und erlaubt eine Vielzahl eigener Schwerpunktsetzungen.

Das ISW verfügt daneben über ein einzigartiges Angebot von Austauschpartnerschaften mit Universitäten im europäischen und außereuropäischen Raum. Studierende können daher leicht Auslandserfahrung sammeln und frühzeitig andere Wissenschafts- und Lernkulturen kennenlernen.

Die Lage des ISW in der Mitte Berlins und unweit des Regierungszentrums gestattet außerdem in besonderem Maße sozialwissenschaftliche Erkenntnisse über aktuelle Probleme zu generieren und deren Implikationen als Handlungsoption zur wissensbasierten Intervention in politische Prozesse zu formulieren. Der sozialwissenschaftliche Dialog mit Politik, Gesellschaft und außeruniversitären Forschungsinstituten ist ein zentrales Anliegen des ISW und ermöglicht Studierenden frühzeitig Praxiserfahrung zu sammeln und Kontakte zu potentiellen Arbeitgebern in typischen sozialwissenschaftlichen Berufsfeldern herzustellen.

 

5.    Partner, Dialogstrukturen und Internationalisierung

Das ISW ist eingebunden in einen multidisziplinären Dialog mit den anderen Instituten und Einrichtungen der Humboldt-Universität. Ferner kann das ISW auf eine lange Tradition der institutionalisierten Partnerschaften zu Universitäten und Forschungseinrichtungen auf der ganzen Welt verweisen, die für eine konsequente Strategie der Internationalisierung insbesondere in der Doktorandenausbildung genutzt werden. Das ISW sieht sich als Teil des sozialwissenschaftlichen Forschungsraums Berlin und ist eng vernetzt mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen (wie dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, dem Centre Marc Bloch, dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, der Stiftung Wissenschaft und Politik, dem Deutschen Zentrum für Altersfragen, dem Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung usw.) sowie mit anderen Universitäten in Berlin und Brandenburg (u. a. dem Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin, der Hertie School of Governance und der Universität Potsdam).