Humboldt-Universität zu Berlin - Soziologie der Zukunft der Arbeit

Forschungsprojekte

(Auswahl)

 

Die Politische Ökonomie der Künstlichen Intelligenz – von der Fiktion zur soziotechnischen Realität?

https://www.digital-future.berlin/die-politische-oekonomie-der-ki

Zahlreiche Staaten haben zuletzt eigene KI-Industriestrategien und Wirtschaftsförderprogramme aufgesetzt, um Milliardensummen in den Ausbau nationaler KI-Innovationssysteme zu investieren. Kündigt sich in diesem verstärkten Zusammenwirken von Staat und Wirtschaft, der politischen Ökonomie der Künstlichen Intelligenz, eine Transformation von ökonomischen Institutionengefügen und staatlichen Handlungskapazitäten an? Dieser Frage nach den sozioökonomischen Restrukturierungsprozessen im Zuge der Verbreitung von KI-Technologien wird im von der DFG geförderten Projekt "Die politische Ökonomie der Künstlichen Intelligenz - von der Fiktion zur soziotechnischen Realität?" für den deutsch-europäischen Fall im Detail nachgegangen. Der analytische Fokus liegt dabei sowohl auf der staatlichen Technologiepolitik, welche aktiv in den entstehenden Markt für „AI made in Germany“ eingreift, als auch auf konkurrierenden ökonomischen Akteurskoalitionen, welche wiederum die staatlichen Interventionen zu beeinflussen versuchen. Insgesamt werden die von KI-Technologien angestoßenen Wechselwirkungen zwischen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft sowie die möglichen Folgen für die deutsche Wirtschaftsstruktur mittels einer theoretischen Integration von techniksoziologischen, innovationstheoretischen und politökonomischen Ansätzen analysiert.

Zuständig: Prof. Philipp Staab, Marc Pirogan, Sandra Sieron

Laufzeit: 03/2021 – 02/2024

gefördert durch: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)

 

 

Kritikalität und Kritik

Im März 2020 kam es zu einer vollkommen unerwarteten Spontanspaltung des Arbeitsmarktes. In einer Situation akuter Gefährdung wurde eine neue Klasse von Beschäftigten geschaffen, die sogenannten systemrelevanten Berufe. Sie sind Gewährleistende des Ganzen und Allgemeinen in einer Gesellschaft, die sich zunehmend als fragmentiert und vereinzelt versteht. Im Anschluss an die Tradition soziologischer Gesellschaftsbildforschung wird im Projekt gefragt: Wie sehen die Systemrelevanten die Welt und ihren eigenen Platz in ihr? Wie beeinflusst dies ihr Handeln? Haben wir es mit einer sozialen Gruppe im Sinne geteilter Werte, Ziele und Zwecke zu tun? Und nicht zuletzt: Welche Kritik der Gesellschaft formulieren diejenigen, die kritisch für ihre Reproduktion sind?

Zuständig: Prof. Philipp Staab, Sandra Sieron

 

 

Digitale Plattformen in öffentlicher Hand. Zur Möglichkeit demokratischer Data-Governance in der digitalen Daseinsvorsorge

Die Forschung zu den gesellschaftlichen Auswirkungen digitaler Plattformen konzentriert sich bisher auf private Anbieter, wie Amazon, Google oder Uber, die sich als Infrastrukturen der digitalen Gesellschaft etabliert haben. Doch auch kommunale und staatliche Akteure entwickeln zunehmend eigene öffentliche Plattformen in den Daseinsvorsorge-Bereichen Mobilität, Gesundheit und Wohnen. Bisher ist unklar, wie öffentliche Plattformen die Marktbeziehungen verändern, ob sie eine Alternative zu den Vermachtungsproblemen finanzmarktgetriebener Plattformen darstellen und inwiefern staatliche bzw. kommunale Akteure die neuen algorithmischen Steuerungsmöglichkeiten für politische Zwecke nutzen. Das Promotionsprojekt untersucht erstmals öffentliche Plattformprojekte in der digitalen Daseinsvorsorge mit einem besonderen Fokus auf den Praktiken zur Verwaltung und Kontrolle von Daten, kurz Data-Governance, die sich zu einer Schlüsselfrage der Machtverschiebungen im digitalen Kapitalismus entwickelt haben. Das Ziel ist die Entwicklung von Kriterien und Handlungsoptionen für den öffentlichen Sektor, damit dieser seine technologische Souveränität und Steuerungsfähigkeit erhalten und zur Herstellung der informationellen Selbstbestimmung von Nutzer*innen und Beschäftigten beitragen kann.

Zuständig: Dominik Piétron

gefördert durch: Rosa-Luxemburg-Stiftung

 

 

Europäische Datenpolitik als Restrukturierung von Digitalmärkten

Über den Datenschutz hinaus steht die Regulierung von Datenströmen zwischen Unternehmen sowie zwischen Privatwirtschaft und staatlichen Akteuren zunehmend auf der politischen Agenda der europäischen Institutionen. Mit neuen rechtlichen Vorgaben zu Datenportabilität, Data-Sharing und Open-Data sowie Standardisierungsprozesse zum Zwecke der Interoperabilität digitaler Systeme werden zumeist wettbewerbs- und industriepolitische Ziele verfolgt, die weitreichende Folgen für die marktliche Einbettung von Digitalunternehmen in Europa zeitigen können. Zugleich wird auf diese Weise eine rechtliche Grundlage für neue Daten-Intermediäre wie z.B. Datentreuhänder geschaffen, die im Spannungsfeld von Datenschutz und Datennutzung vermitteln und die datenbasierte Wertschöpfung in der EU durch innovative institutionelle Arrangements fördern sollen. Das Projekt begleitet und dokumentiert die politischen Dynamiken rund um die sich schnell entwickelnde EU-Datenregulierung, insbesondere den Digital Service Package, informiert angesiedelte Forschungsvorhaben im Lehrbereich und liefert eigene politische Analysen des europäischen Datenkapitalismus.

Zuständig: Prof. Philipp Staab, Dominik Piétron

Laufzeit: 11/2020 – 01/2024

gefördert durch: Einstein Stiftung

 

 

Zur Programmierbarkeit von Arbeit. Eine Untersuchung der Prozessmanagement-Plattform Salesforce als Phänomen logistischer Medientheorie

Salesforce ist eine Prozessmanagement-Plattform, an der sich eine umfassende Entwicklung zeigt, der sämtliche Bereiche des Lebens und der Arbeit ausgesetzt sind: Vermessung und Steuerung durch Algorithmen. Betriebliche Abläufe, sämtliche Arbeitsschritte von Arbeiter*innen sowie das Verhalten potenzieller und tatsächlicher Kund*innen werden durch die Prozessmanagement-Plattform, die sich auf Customer Relationship Management (CRM) spezialisiert hat, kontrolliert und geregelt. Ziel der Software ist es, potenzielle Kund*innen möglichst früh zu erfassen, um sie in tatsächliche Kund*innen zu konvertieren. Zentrale These dieses Promotionsprojekt ist, dass der Einsatz von Prozessmanagementsystemen darauf abzielt, menschliche Arbeitskraft „programmierbar“ zu machen. Diese Idee der Programmierbarkeit – im Sinne einer Steuerbarkeit – bezieht sich nicht nur auf die mit dem System Arbeitenden, sondern gleichermaßen auf das Verhalten potenzieller und tatsächlicher Kund*innen.

Zuständig: Eva-Maria Nyckel

gefördert durch: Einstein Stiftung Berlin

 

 

Visions of the Post-Viral Society. Changes in Political Perceptions in the Course of the Covid-19-Crisis

Dieses Projekt widmet sich der Frage, ob während und durch die Covid-19-Pandemie neue Formen und Quellen politischer Legitimität entstanden sind – insbesondere als Effekt des starken politischen Eingriffs ins öffentliche Leben und die Wirtschaft. Mithilfe von Algorithmen des maschinellen Lernens sollen die Entwicklungen des politischen Diskurses auf sozialen Medien vor, während und nach der Krise herausgearbeitet werden, um neue und veränderte politische Anforderungen und Interessen der auf diesen Plattformen aktiven Bürger*innen aufzudecken. Die Ergebnisse des Projekts sollen Eingang in die akademische und öffentliche Debatte über das transformative Potential der gegenwärtigen Krise finden sowie politische Entscheidungsträger*innen über entstehende Quellen demokratischer Legitimität informieren.

Zuständig: Prof. Philipp Staab, Leonard Haas

Partner*innen: Prof. Felix Biessmann (ECDF/Beuth-Hochschule für Technik Berlin), Dr. Pola Lehmann (WZB)

 

 

AI Empowered Sustainable Urban Mobility Platform (AISUM)

https://www.digital-future.berlin/forschung/projekte/aisum/

https://www.z-u-g.org/aufgaben/ki-leuchttuerme/projektuebersicht/aisum/

Urbane Mobilität befindet sich in einem gewaltigen Umbruch. Unter dem Stichwort Smart Mobility werden vermehrt neue Mobilitätsangebote in die städtische Umwelt integriert. Dieser Prozess bietet Chancen zur Reduzierung umweltschädlicher Emissionen, da neue Mobilitätsdienstleistungen den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) ergänzen und den automobilen Individualverkehr in der Stadt reduzieren können. Er ist jedoch auch mit Risiken verbunden, die sich vor allem aus der mangelnden Steuerung und Integration neuer und alter urbaner Verkehrsmittel ergeben. Erste Untersuchungen zu E-Scootern und anderen Sharing-Services deuten beispielsweise darauf hin, dass diese unter den gegebenen Bedingungen gerade nicht zur ressourcenschonenden Transformation urbaner Mobilität beitragen, sondern durch Überkapazitäten und Verschwendung unterm Strich zu höheren Umweltbelastungen führen.

Die Stadtbevölkerung hat ein legitimes Interesse an möglichst umfassenden, zuverlässigen und komfortablen Mobilitätsangeboten einerseits und an einem möglichst nachhaltigen, insbesondere lärm- und emissionsarmen Stadtverkehr andererseits. Die Zusammenführung der Echtzeitdaten zahlreicher Sharing-Angebote und des ÖPNV-Netzes auf einer nutzeroptimierten Smart-Mobility-Plattform bietet erstmals die Möglichkeit, beide Ansprüche zu kombinieren. Zu diesem Zweck brauchen Städte Mobilitätsplattformen, die die Verbindung und Steuerung alter und neuer Mobilitätsdienste im Sinne sozial-ökologischer Kriterien ermöglichen.

Das Projekt zielt auf die Errichtung einer Plattform für nachhaltige urbane Mobilität ab, in der Klimaschutz und Ressourceneffizienz strukturell verankert sind. Nutzer_innen sollen dabei die ökologischen Kosten verschiedener Verkehrsoptionen transparent einsehen können und zur Nutzung besonders klimafreundlicher Transportmittel angeregt werden. So schließt AISUM an ein laufendes Projekt der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) an, welches ÖPNV und neue, privatwirtschaftliche Mobilitätsdienste (Bike-, Roller-, Car- und Scooter-Sharing) zusammenführt und Nutzer_innen multimodale Mobilität aus einer Hand bereitstellt. Hier mangelt es aber derzeit noch an einer intermodalen Plattformlösung, auf deren Basis alle Mobilitätsangebote einfach und intelligent zu ressourcenschonenden Verkehrsalternative kombiniert werden können. Zudem werden ökologische Kriterien nicht berücksichtigt. Das Projekt widmet sich beiden Herausforderung, indem es die Datenströme verschiedener Mobilitätsanbieter auf einer Plattform zusammenführt und mittels Machine-Learning auswertet. Dafür werden verschiedene sogenannte Green-AI-Use Cases konzipiert und prototypisch realisiert. (ECDF 2020)

Zuständig: Prof. Philipp Staab, Dominik Piétron

Partner*innen: Prof. Tilman Santarius (ECDF/TU Berlin), Prof. Helena Mihaljevic (ECDF/HTW Berlin)

Laufzeit: 04/2020 – 09/2020

gefördert durch: Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU)