Humboldt-Universität zu Berlin - Theorie der Politik

Wenn das Sozialkapital schwindet

Wenn inzwischen erneut über Zivilgesellschaft und bürgerschaftliches Engagement nachgedacht wird, ist es wichtig, von realistischen Grundannahmen auszugehen

Dieser Beitrag erschien in "Ansicht 2.11"

Als die erste rot-grüne  Regierung bald eineinhalb Jahrzehnten ihre Arbeit aufnahm, stieß sie bei der Suche nach Reformfeldern schon bald auf die Zivilgesellschaft und das bürgerschaftliche Engagement. Hier, so die Erwartung, könne man einen Reformkorridor öffnen, der wenig Geld kostete, und gleichzeitig eine nachhaltige Gesellschaftsreform in Gang setzen. Man stellte sich die Zivilgesellschaftals einen durch Gesetze und Verwaltungsvorschriften gefesselten Riesen vor, den man nur befreien musste, damit er seine gewaltigen Kräftezeigen konnte.

Daneben spielte der Begriff des Sozialkapitals eine wichtige Rolle. Der amerikanische Sozialwissenschaftler Robert Putnam hat den Begriff geprägt, um das Vertrauen der Bürger als eine nichtmonetäre Kapitalsorte einzuführen. Das mochte als innerwissenschaftliche Begrifflichkeit sinnvoll sein, aber bei der Politik weckte der Begriff sofort Begehrlichkeiten:

Wie wäre es, wenn man Geldkapital durch Sozialkapital ersetzte, um knappe Ressourcen für andere Zwecke freizubekommen? So wurde die Zivilgesellschaft zum Entlastungsraum des Staates.

Bei der Modernisierung der sozio-politischen Ordnung sollte der Zivilgesellschaft eine Avantgarderolle zukommen.

Daraus ist nichts geworden. Erstens, weil mehr geredet als getan wurde; zweitens, weil die Erwartungen an die Zivilgesellschaft völlig überzogen waren; drittens, weil die sich selber in einem Veränderungsprozess befand, in dem Engagementformen, die als so selbstverständlich angesehen wurden, dass man sie kaum beachtet hatte, zu verschwinden begannen. Das Sozialkapital. mit dem man gerechnet hatte, schmolz unversehens dahin. Viele von denen, die eben noch riesige Erwartungen auf die Zivilgesellschaft projiziert hatten, wandten sich frustriert von ihr ab.

Tatsächlich hatte just zu der Zeit, da das bürgerschaftliche Engagement zu einem Hype der Politik wurde, der Individualisierungsprozess auch die Zivilgesellschaft erreicht: Zwar waren die Menschen weiterhin bereit, sich für Gemeinwohlaufgaben zu engagieren, aber sie taten das nicht mehr über  lange Zeiträume und suchten Bereiche, die mit ihren aktuellen Lebenssituationen zu tun hatten. Wenn man ein Kind erwartete, engagierte man sich für Kinderkrippen, wenn in der Nähe eine Mülldeponie errichtet werden sollte, engagierte man sich dagegen.

Das Engagement in den klassischen Organisationen der Zivilgesellschaft wurde dagegen knapp. Wenn inzwischen erneut über Zivilgesellschaft und bürgerschaftliches Engagement nachgedacht wird, ist es wichtig, von realistischen Grundannahmen auszugehen: Engagement ist ein knappes Gut, mit dem man sorgfältig umgehen muss und bei dem man darauf zu achten hat, dass es nachwächst bzw. reproduziert wird. Das ist nicht selbstverständlich und ohne entsprechende Anreize wird das kaum gelingen. Engagement ist kein brachliegendes Kapital, dessen man sich einfach bedienen kann. Man muss es vielmehr hegen und pflegen. Das immerhin sollte die Politik zwischenzeitlich gelernt haben.