Humboldt-Universität zu Berlin - Theorie der Politik

Spaltet sich die Mitte?

Über soziale und politische Stabilität.

Dieser Text erschien am 25.04.2011 in der Zeitung Recherche.

Die Mitte gilt als langweilig. Nichts ist hier besonders, herausgehoben oder gar extrem. Deswegen verwundert es auch nicht, dass die Mitte in der sozialwissenschaftlichen Literatur kaum Aufmerksamkeit gefunden hat. Wiewohl sie ein Schlüsselbegriff der politischen Sprache ist, gibt es so gut wie keine monografischen Studien zur Mitte. Dem stehen Myriaden von Büchern über die Extreme auf der Linken wie der Rechten gegenüber, ebenso wie Hunderte von Studien zur Ober- oder Unterschicht.

Hat die „Bolte-Zwiebel“ aus den 60er-Jahren zur Veranschaulichung der Sozialstruktur ausgedient?

Die Peripherie des politischen Spektrums und die Randzonen der Gesellschaft sind sehr viel genauer untersucht worden als die politische und soziale Mitte. Das kann schwerlich etwas mit der Größe der sozialen Gruppen zu tun haben, denn in Deutschland, Österreich und vor allem in der Schweiz rechnen sich seit Jahrzehnten weit mehr als die Hälfte der Bevölkerung der Mitte zu. Und noch weit mehr optieren bei Wahlen für die Parteien der Mitte. Doch die Veränderungen, die für Aufmerksamkeit und Aufregung gesorgt haben, haben sich während der letzten Jahrzehnte nicht in der Mitte, sondern an den sozialen wie politischen Rändern abgespielt. Gebannt durch die Veränderungen und Bewegungen an den Rändern haben Publizistik wie Wissenschaft die Mitte aus dem Blick verloren. Das könnte sich nunmehr ändern: Die Mitte ist zum Problem geworden, denn es ist nicht mehr sicher, ob es diesen Stabilitätsanker der Gesellschaft in einem Jahrzehnt noch geben wird, zumindest nicht in der vertrauten Form, bei der die Mitte den größten Platz in der gesellschaftlichen und politischen Ordnung einnimmt. Die Frage, ob sich die Mitte spaltet oder ob es gelingt, sie gegen die starken zentrifugalen Tendenzen zu verteidigen, dürfte das zentrale politische Thema dieses Jahrzehnts werden.

Die Erfahrung von Weimar

Die soziale und politische Mitte in Deutschland war der Stabilitätsanker der Bonner Republik; sie sorgte dafür, dass Bonn nicht Weimar wurde, wie eine berühmte Formel des Schweizer Publizisten Fritz René Allemann lautete. Die Weimarer Republik war eine Republik der politischen Extreme und der sozialen Polarisierung, womit sie im Übrigen vielen Ländern in Europa nach dem Ersten Weltkrieg ähnelte. Dass die politische Ordnung der Demokratie in Mittel- und in Südeuropa keine Chance hatte, war auch eine Folge dessen, dass die Mitte hier schwach oder durch den Krieg geschwächt worden war. Die Inflation hatte die Vermögen der Mittelschichten zerstört und deren Einkommen entwertet, und die massive Unzufriedenheit mit der bestehenden Ordnung führte dazu, dass man sich entweder in die Vergangenheit zurücksehnte oder auf eine utopische Zukunft setzte. Der Gegenwart wurde wenig Kredit eingeräumt. Genau das aber ist eines der zentralen Merkmale sozialer und politischer Mitten: Dass sie die Gegenwart wertschätzen und nicht so ohne weiteres bereit sind, sie für ungewisse Zukünfte dranzugeben oder durch eine ausufernde Nostalgie trüben zu lassen. Die Mitte ist der entscheidende Ort für die Selbstanerkennung der politischen Ordnung, während man an den Rändern notorisch auf Desinteresse, Vorbehalte oder dezidierte Ablehnung dieser Ordnung stößt. Gibt es diese Mitte nicht oder zerfällt sie in die Extreme, so kommt es nicht zur Selbstanerkennung der politischen Ordnung, und genau das war in der Weimarer Republik wie in vielen anderen der nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen Demokratien Mitteleuropas der Fall. Die Mitte wurde zwischen den Extremen zerrieben. (…)

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