Humboldt-Universität zu Berlin - Theorie der Politik

"Natürlich darf eine Demokratie töten"

Darf man das? Regierungschefs in aller Welt freuen sich über den Tod von Osama Bin Laden, in New York und Washington jubeln die Menschen. Der Politologe Herfried Münkler spricht über Rachegelüste in der Politik, alttestamentarische Vorstellungen - und Angela Merkels verfehlte Rhetorik.

Dieses Interview erschien auf Spiegel Online.

 

SPIEGEL ONLINE: Herr Münkler, US-Spezialkräfte haben Qaida-Chef Osama Bin Laden erschossen. Darf ein demokratisches Land töten, ohne Prozess, ohne Gerichtsurteil?

 

Münkler: Die Antwort darauf ist ein uneingeschränktes Ja. Die Demokratie ist, neben der Monarchie und der Aristokratie, eine Form der Ausübung der Herrschaft. Diese Herrschaft darf entschlossen sein, selbstverständlich das Leben der eigenen Bürger schützen und dazu bereit sein, das Leben ihrer Feinde zu nehmen. Bei der Tötung Bin Ladens stellt sich aber dieses Frage überhaupt nicht - wenn man der Darstellung der Amerikaner glaubt, haben die US-Spezialkräfte Bin Laden aufgefordert, sich zu ergeben. Das wollte er nicht und deshalb hat ihn dasselbe Schicksal ereilt, das etwa einen Mafiachef in Deutschland oder Italien ereilen würde.

SPIEGEL ONLINE: Kanzlerin Merkel sagte: "Ich freue mich darüber, dass es gelungen ist, Bin Laden zu töten." Darf man sich freuen über den Tod eines Menschen, sei er auch ein Massenmörder?

Münkler: Für Frau Merkel hat meiner Einschätzung nach die Frage der Rache keine große Rolle gespielt, ihre Aussage ist einfach eine verunglückte Äußerung. Sie zeigt die semantische Unsensibilität einer gelernten Naturwissenschaftlerin. Merkel hätte stattdessen etwa sagen können: 'Ich freue mich, dass es gelungen ist, das Problem eines freiherumlaufenden Osama Bin Ladens zu lösen' oder 'Ich freue mich, dass mein Kollege Obama einen solchen Erfolg erzielt hat.'

SPIEGEL ONLINE: Wie müssen Politiker mit Rachegefühlen umgehen?

 

Münkler: Ein römischer Politiker vor 2000 Jahren hätte sich selbstverständlich öffentlich über seine Rache freuen dürfen. Das Entscheidende ist, dass wir es heute bei westlichen Politikern mit christlich geprägten Menschen zu tun haben, mit Menschen, die der Idee der Barmherzigkeit verhaftet sind. Nur wer an die Existenz des "Bösen" glaubt und "Böses" nicht mit einer unglücklichen Jugend erklärt, wer - nach alttestamentarischer Überzeugung - das Prinzip Auge um Auge, Zahn um Zahn hochhält, dessen öffentliche Freude, dessen Rachegefühle über den Tod eines Feindes werden nachvollziehbar. Die Reaktionen der Amerikaner zeigen also eher eine andere Wertimprägnierung.

SPIEGEL ONLINE: Auf dem Ground Zero jubeln Menschen über den Tod Bin Ladens - zumindest die Bilder erinnern an feiernde Muslime im Gazastreifen nach den Anschlägen vom 11.September 2001. Finden Sie das in Ordnung?

Münkler: Für europäische Beobachter haben diese Kundgebungen in der Tat etwas Peinliches, denn sie zeigen eine Form unreflektierter Naivität, haben etwas Provokatives. Aber es waren nur wenige Amerikaner, die ihre seelischen Empfindungen so ungeniert demonstriert haben, genauso wie es 2001 nur wenige Muslime waren, die sich über die Tausenden Toten der Anschläge freuten. Trotzdem gewinnen die Fotos der Feiernden vom Ground Zero jetzt die Definitionshoheit über die Gefühlslage einer ganzen Nation - das lässt sich leider nicht ändern.

Das Interview führte Anna Reimann