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Humboldt-Universität zu Berlin - Soziologie der Arbeit und Geschlechterverhältnisse

Promotionen (Prof. Nickel)

 

LAUFENDE PROMOTIONSVORHABEN

 

 

  • GÜNTHER, Jana
    Deeds not Words: Vom Zusammenhang zwischen politischen Leitbegriffen und Bewegungskulturen am Beispiel der ersten Frauenbewegung in Großbritannien und Deutschland (Arbeitstitel)

 

  • PFAHL, Svenja
    Ausbalancieren von Familienzeiten unter flexiblen Arbeitszeiten: Vereinbarkeit von Erwerbsleben und Familie aus Kinder- und Elternsicht (Arbeitstitel)

 


 

Jana Günther

„Deeds not Words: Vom Zusammenhang zwischen politischen Leitbegriffen und Bewegungskulturen am Beispiel der ersten Frauenbewegung in Großbritannien und Deutschland“ (Arbeitstitel)

Der gleichberechtigte Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen, politische Mitbestimmung, gleichberechtigte Verhältnisse, insbesondere in Bezug auf Familien- und Sozialpolitik sowie Ausbildungs- und Erwerbsarbeitsverhältnisse, sind Themen die die Frauenbewegungen nunmehr seit zwei Jahrhunderten weltweit beschäftigen. Gerade in Zeiten des politischen bzw. ökonomischen Umbruchs etablieren sich soziale Bewegungen, deren Akteur/innen den Status Quo in Frage stellen und mit bestimmten Strategien einen sozialen Wandel herbeiführen wollen. Erst Mitte des Jahrhunderts konnten sich, von wenigen Vorreiter/innen abgesehen,  die ersten Frauenbewegungen mit neuen Interaktions- und Kommunikationsformen etablieren, um ihre Issuesauf die politische Agenda zu bringen. Besonders die britische Frauenbewegung forcierte Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts öffentlichkeitswirksame und radikale Mobilisierungsstrategien und erreichte dadurch ein immenses nationales und internationales Medienecho, während die deutsche Frauenbewegung, welche nicht minder aktiv agierte, auf den ersten Blick zunächst weitaus weniger radikale Methoden zur Verwirklichung ihrer Ziele nutzte.

In der deutschen Frauen- und Geschlechterforschung ist die erste Welle der deutschen Frauenbewegungen mittlerweile Gegenstand zahlreicher sozialhistorischer Studien, dennoch fanden diese als empirisches Phänomen und in einem ländervergleichenden Kontext nur bedingt Eingang in die Soziologie sozialer Bewegungen. In der Forschungsarbeit soll daher eine bewegungstheoretisch angelegte Analyse der ersten britischen und deutschen Frauenbewegungskulturen (Wischermann 2003: 21ff) geleistet werden. Soziale Bewegungen benötigen lt. Raschke (1988: 372) entsprechende „Bezugspunkte strategischen Handelns“, politische Schlagworte und Sinnzusammenhänge, welche die Bewegungen formieren, eine strategische Gruppenidentität inszenieren und zu Aktionen mobilisieren. In der Bewegungsforschung wurde hierfür der Begriff framing etabliert. Demnach hängt der Erfolg sozialer Bewegungen von Sinnkonstruktionen bzw. interpretativen Schemata (frames) ab, die es Individuen ermöglichen, sich mit den Problemwahrnehmungen und Zielvorstellungen der Bewegung zu identifizieren (Anheier/Neidhardt/Vortkamp 1998: 8). Durch erfolgreiches framing gelingt letztendlich die Generierung neuer Anhänger/innen und öffentlichkeitswirksame Mobilisierung. Jene spezifischen frames, welche je nach politischer „Ideologie“, nach meiner Hypothese Ausgangspunkt verschiedener Bewegungsstrategien bzw. -kulturen waren, wurden innerhalb der Frauenbewegung und von der Öffentlichkeit medial inszeniert und fanden Eingang in zahlreiche Prozesse öffentlicher Artikulation. Leitende Fragestellungen der Arbeiten sind daher: Welche, möglicherweise unterschiedlichen, framing-Strategien entwickelten die deutsche und die britische Frauenbewegung? Welche Mobilisierungsformen resultierten daraus? Inwieweit lassen sich für die frames der Bewegungen unterschiedliche ideengeschichtliche Anknüpfungspunkte ausmachen?  Inwieweit erwuchsen daraus unter Umständen differente Organisationsformen?

In dem Forschungsvorhaben werden unter besonderer Beachtung der Issues der Frauenbewegung mit Hilfe des framing-Ansatzes die spezifischen frames der Bewegungen sondiert und für die verschiedenen Frauenbewegungskulturen Anfang des 20. Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges auf der nationalen Ebene sowie im Vergleich zwischen Deutschland und Großbritannien analysiert.  Damit kann eine Systematisierung der differenten Diskurse, beispielsweise in der bürgerlichen und der proletarischen Frauenbewegung, und in den je spezifischen Landeskontexten erarbeitet und eine vergleichende Untersuchung zwischen Themen bzw. Ideologien und Mobilisierungsstrategien geleistet werden. Jene Herangehensweise würde demzufolge den verschiedenen „ideologischen“ Färbungen des Feminismus gerecht und böte die Möglichkeit des Vergleichs feministischen Bewegungskulturen zweier europäischer Staaten, in welchen sich die Frauenbewegung zwar zur selben Zeit aber sehr unterschiedlich entwickelte. Durch den Rückgriff auf den bewegungstheoretischen framing-Ansatz, welcher insbesondere zur Untersuchung von neuen sozialen Bewegung entwickelt wurde, kann zudem ein Beitrag dazu geleistet werden, diesen auch für „alte“ soziale Bewegungen, im Besonderen für die erste Frauenbewegung, fruchtbar zu machen.

Publikationen (Auswahl)

 

Günther, Jana (2012): "Protest as Symbolic Politics", in: Fahlenbrach, K./Klimke, M./Scharloth, J. (Hrsg.): Protest Cultures: A Companion, Vol. 1: Elements of Protest. Oxford und New York: Berghahn Books (forthcoming). 

 

Günther, Jana (2011): "Wenn das Private wissenschaftlich wird… Kleine Geschichte der Frauenforschung in Deutschland ab 1945", in: Kremberg, Bettina u.a.: Frauen eine Stimme geben. Leverkusen Opladen, S. 137 - 159. 

 

Günther, Jana (2009): "Suffragetten. Mediale Inszenierung und symbolische Politik", in: Gerhard, Paul (Hrsg.): Das Jahrhundert der Bilder 1900 bis 1949, Vandenhoeck & Ruprecht, S. 108-115.

 

Svenja Pfahl

„Ausbalancieren von Familienzeiten unter flexiblen Arbeitszeiten: Vereinbarkeit von Erwerbsleben und Familie aus Kinder- und Elternsicht“ (Arbeitstitel)

Es soll beschrieben werden, mit welchen Herausforderungen die alltägliche Herstellung von Familienzeiten in Familien mit zwei erwerbstätigen Eltern mit flexiblen Arbeitszeiten verbunden ist. Von Interesse ist, inwiefern sich flexible Arbeitszeiten als unterstützend oder hinderlich für die Herstellung von Familienzeiten und -alltag erweisen und wie sie im Einzelnen für familienorientierte Belange von den Eltern genutzt werden können. Das Promotionsvorhaben steht damit im Schnittpunkt von Arbeitszeitforschung, Familienforschung und Forschung zu alltäglicher Lebensführung. Zentral ist dabei die Frage, wie es Familien mit abhängig beschäftigten Müttern und Vätern gelingt, flexible Arbeitszeiten und Familienzeiten (besser) miteinander auszubalancieren. Im Einzelnen werden folgende Fragen untersucht:

  • Durch welche Abstimmungsprozesse stellen Familienmitglieder gemeinsame Familienzeiten her und welche Zeiten stimmen sie miteinander ab?
  • Wie greifen flexible Arbeitszeiten in die Gestaltung der Familienzeiten ein? Wie lassen sie sich zugunsten von Familie nutzen?
  • Welche bedeutsamen Rhythmen, Routinen und Rituale aus der Familienzeit, sollten aus Sicht von Eltern und Kindern vor den zeitlichen Ansprüchen von Erwerbsarbeit in Schutz genommen werden?
  • Welche Schlussfolgerungen lassen sich für eine familienorientierte Arbeitszeitgestaltung ziehen?

Familien, in denen beide Partner sowohl an Erwerbsarbeit als auch an Care-Aufgaben beteiligt sind, weisen einen zeitlich besonders komplexen Familienalltag mit erheblichem Abstimmungsbedarf auf. Arbeitszeiten sowie Betreuungszeiten der Kinder bilden – vermittelt durch das jeweilige ‚familiale Grundarrangement’ einer Familie – den Rahmen für die Gestaltung der Familienzeiten. Eltern benötigen daher für die Absicherung des Familienalltages Arbeitszeiten, die gleichzeitig Flexibilität wie auch Stabilität bieten. Ziel des Forschungsvorhabens ist es, den jeweiligen Beitrag von Eltern und Kindern für eine gemeinsame, familiale Lebensführung herauszuarbeiten, familiale Zeitbedarfe zu benennen und daraus Forderungen für eine familienfreundliche Gestaltung von Arbeitszeiten abzuleiten.

Die Zwischenergebnisse zeigen, dass sich die Arbeitszeitinteressen von Kindern durchaus in vielen Aspekten mit denen ihrer Eltern decken. Im Vergleich zur Perspektive der Eltern verweist die Kinderperspektive allerdings noch klarer darauf, dass die Debatte um Arbeits- und Familienzeiten stärker qualitativ geführt werden muss: Kinder lenken den Blick verstärkt auf die Qualität von Zeiten, auf die zu Grunde liegenden Nutzungsinteressen sowie auf eine sinnvolle Verzahnung von Zeiten. Als absolut schützenswert erweisen sich aus Sicht von Eltern wie Kindern gemeinsame, familiale Routinen und Rituale, da sie das ‚bewegliche Rückgrat’ der Familienzeiten bilden. Kinder brauchen auf der anderen Seite aber auch strikt ‚elternfreie Zeiten’ und begrüßen daher die Erwerbstätigkeit ihrer beider Elternteile grundsätzlich.

Methodischer Ansatz

Zur Beschreibung der mikrosozialen, zeitlichen Abstimmungs- und Gestaltungsprozesse innerhalb der Familie wurden qualitative Interviews mit 27 Eltern und 22 Kindern aus 27 Familien geführt, in denen beide Elternteile mit flexiblen Arbeitszeiten erwerbstätig sind. Die Interviews orientieren sich am problemzentrierten (Witzel) sowie am episodischen Interview (Flick). Der Zugang zu den Befragten erfolgte einerseits über Betriebe mit flexiblen Arbeitszeiten (Nordrhein-Westfalen) als auch über Schulhorte an Grundschulen (Berlin), die eine Betreuungszeit bis 18 Uhr anbieten. Eltern und Kinder wurden in getrennten Interviews mit unterschiedlichen Leitfäden befragt, dabei stets die Eltern zuerst. Samplebildung und Auswertungsprozess des Materials orientieren sich an der Grounded Theory (Strauss/Corbin 1996) sowie an den Vorschlägen von Kelle/Kluge (1999) zum Fallvergleich. Im Zentrum der Auswertung stehen 14 Familien, in denen jeweils ein Elternteil als auch insgesamt 22 Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren befragt wurden. Diese Gruppe ermöglicht einen direkten Perspektivwechsel zwischen Eltern und Kindern aus den gleichen Familien. Ergänzt wird dies durch 13 Elterninterviews, deren Kinder nicht befragt werden konnten (u.a. wegen des zu geringen Alters der Kinder).

In die Rekonstruktion des gemeinsamen Alltags gehen Kinder- wie Elternsicht ein, daneben werden die zeitlichen Abstimmungsprozesse der Familie sichtbar gemacht und zentrale familiale Zeitrhythmen herausgearbeitet. Die Perspektive der Kinder auf die familiale Zeitgestaltung und die Arbeitszeiten der Eltern wird gleichberechtigt neben der der Eltern berücksichtigt. Von Interesse ist auch, ob und inwiefern sich Familienzeiten, Ansprüche und Gestaltungsmöglichkeiten in Ost- und Westdeutschland unterscheiden.

 
 

ABGESCHLOSSENE PROMOTIONEN

 

Interessenkoalitionen in der Gleichstellungspolitik der Europäischen Union (Arbeitstitel)

 

Prekäre Konstruktionen. Der Prekarisierungsdiskurs als Feld sozialer Kämpfe (Abschluss: 2012)

  • GEISLER, Alexandra

Gehandelte Romafrauen. Zur Bedeutung des Menschenhandels zum Zweck der sexuellen Ausbeutung mit Frauen der ethnisierten Romagemeinschaft (Arbeitstitel)

 

  • GUNEY-FRAHM, Irem
    Frauenermächtigung durch Mikrokreditvergabe - Fallstudien aus der Türkei (Arbeitstitel)

 

  • PIMMINGER, Dr. Irene

Konzeptualisierung und Operationalisierung von Geschlechtergerechtigkeit am Beispiel von Gender Mainstreaming (Abschluss: 2011)

 

  • SCHIERHORN, Karen

    ​Die Auswirkungen der Hartz-Arbeitsmarktreformen auf gering qualifizierte langzeitarbeitslose Frauen (Arbeitstitel)

 

  • ​SCHIMETA, Julia
    Gleichstellung von Frauen und Männern in öffentlichen Betrieben (Arbeitstitel)

 

Normalität auf Bewährung. Outings in der Politik und die Konstruktion homosexueller Männlichkeit (Abschluss: 2010)


  • CORELL, Dr. Lena

Anrufungen zur Mutterschaft. Eine wissenssoziologische Untersuchung der Diskurse um 'Kinderlosigkeit' und der Biographien von Frauen ohne leibliche Kinder (Abschluss: 2009)

 

  • KÜNZEL, Dr. Annegret

Auserwähltes Wissen. Zum Verhältnis von feministischer Theorie und Praxis bei Gender Mainstreaming (Abschluss: 2009)

   

  • MEIßNER, Dr. Hanna

Bedingte Kontingenz. Zur gesellschaftlichen Konstitution von Subjektivität und Handlungsfähigkeit (Abschluss: 2009)

 

Autonomie und Aneignung in der Arbeit. Eine soziologische Untersuchung zur Vermarktlichung und Subjektivierung von Arbeit

 

  • SCHEFFELT, Dr. Elke

Egalitäre Beschäftigungspolitik? Eine vergleichende Analyse der Beschäftigungssituation von Frauen im öffentlichen Dienst aus geschlechterpolitischer Perspektive in Deutschland un den Niederlanden (Abschluss: 2007)

 

Prekarisierung auf hohem Niveau. WebWorker und die Ungleichheitsordnung von Arbeit (Abschluss: 2006)

 

  • RÜLING, Dr. Anneli

Egalitäre Arrangements von Arbeit und Leben. Junge Eltern zwischen Traditionalisierungsfallen und deren Bewältigung (Abschluss: 2006)

 

Kategorie Geschlecht und marktradikale Individualisierung. Erwerbsorientierung und Lebensarrangements ostdeutscher Frauen im (betrieblichen) Transformationsprozess (Abschluss: 2002)

 


Petra Ahrens

„Interessenkoalitionen in der Gleichstellungspolitik der Europäischen Union“ (Arbeitstitel)

Ziel der Dissertation ist es, konkurrierende Interessenkoalitionen des Politikfelds Geschlechtergleichstellung im europäischen Integrationsprozess zu bestimmen. Dabei stehen sowohl Organisationsform und Organisationsgrad der Interessenkoalitionen als auch ihre politikfeldbezogenen Interessenlagen im Mittelpunkt der Untersuchung.

Geschlechtergleichstellungspolitik ist in der europäischen Integration ein Thema, das sich im letzten Jahrzehnt verglichen mit anderen Politikfeldern relativ dynamisch entwickelt hat. Dabei haben sich unterschiedliche Akteure und Akteurinnen in der Europäischen Kommission, im Europäischen Parlament und interinstitutionell beispielsweise zwischen Kommission und Europäischem Rat als eine bereits bestehende gleichstellungspolitische Interessenkoalition herauskristallisiert. Unklar ist, ob und welche weiteren konkurrierenden Interessenkoalitionen in diesem Politikfeld agieren.

Um konkurrierende Interessenkoalitionen zu erfassen und zu analysieren, werden theoretische Ansätze aus der europäischen Integrationsforschung und der Geschlechterforschung durch den Advocacy-Coalition-Ansatz verknüpft und zu einer gender-sensiblen Policy-Analyse zusammengeführt. Durch qualitative Inhaltsanalysen von Dokumenten und Leitfaden-Interviews mit Experten und Expertinnen verschiedener Interessenkoalitionen sollen die entwickelten theoretischen Annahmen überprüft und empirisch belegt werden.

Durch die Erforschung offiziell nicht existierender Interessenkoalitionen werden für eine politikwissenschaftlich weitgehend unbeantwortete Frage sowohl theoretische wie auch methodische Herangehensweisen entwickelt.

 

Dr. Magdalena Freudenschuss

"Prekäre Konstruktionen. Der Prekarisierungsdiskurs als Feld sozialer Kämpfe"

Abschluss der Dissertation: 2012

Das Ringen um die Bedeutung der Begrifflichkeiten von Prekarisierung/Prekarität/Prekariat/prekäre und prekarisierte Arbeit im deutschsprachigen printmedialen Diskurs ist Gegenstand dieser Arbeit. Das Jahr 2006 kann im Anschluss an Michel Foucault als Moment einer diskursiven Explosion gelesen werden: Was bis dahin als spezialisiertes Reden in aktivistischen und sozialwissenschaftlichen Kreisen galt, wird nun auch in der medialen Öffentlichkeit als Marker für den Wandel von Arbeit relevant. Insbesondere ab Herbst 2006 tauchen die Begrifflichkeiten zu Prekarisierung verdichtet im öffentlichen Raum auf. Werden durch den Transfer in einen breiten öffentlichen Diskurs auch die herrschaftskritischen Bedeutungsbelegungen von Prekarisierung mittransportiert? Hier setzt die Untersuchung an: Sie versteht den öffentlichen Diskurs als Arena symbolischer Verhandlungen um die Deutungshoheit über den aktuellen sozialen Wandel und über die gesellschaftspolitische Gewichtung der damit verbundenen sozialen Ungleichheiten. Die Frage nach dem Wie und Was dieser Kämpfe beantwortet die Arbeit unter Bezugnahme auf soziologisch-diskursforschende, hegemonietheoretische und feministische Theoriebestände.

 

Zentrales Ergebnis der Analysen ist, dass sich der öffentliche Prekarisierungsdiskurs in weiten Teilen als eine Praxis der Selbstvergewisserung erweist: Soziale Ungewissheiten und individuell erfahrene Unsicherheiten werden durch formal hochqualifizierte, sich in der gesellschaftlichen Mitte positionierende Subjekte diskursiv bearbeitet. Die gesellschaftspolitischen Implikationen liegen somit in der De/Legitimierung sozialer Ungleichheiten durch und im öffentlichen Diskurs. Das Konzept Prekarisierung/Prekarität – so umstritten es in den spezialisierten Diskursen auch sein mag – verliert im öffentlichen Diskurs zumindest partiell seinen gesellschaftskritischen Impetus und wird zu einem Instrument der Absicherung der sozialen Ordnung und der in sie eingeschriebenen sozialen Ungleichheiten. Die Konstruktionen des Prekären stabilisieren die hegemoniale symbolisch-soziale Ordnung und erweisen sich gleichzeitig selbst als prekäre Konstruktionen: Die Deutungsangebote zu Prekarisierung/Prekarität sind in sich gebrochen und widersprüchlich. Neben hegemonialisierenden Tendenzen finden sich im öffentlichen Diskurs allerdings auch gegenhegemoniale Spuren: In Widersprüchlichkeiten und artikulierten Widerständigkeiten eröffnen sich Räume für kritische Lesarten zu Prekarisierung/Prekarität, die verschiedene Betroffenheiten über tradierte sozialstrukturelle Differenzierungen hinweg miteinander in Beziehung setzen. Dies wird deutlich an den Subjektentwürfen, einem der zentralen Analysebausteine dieser Arbeit: Diese werden sowohl im öffentlichen als auch im spezialisierten Diskurs systematisch rekonstruiert und auf die ihnen zugeschriebene individuelle wie kollektive Handlungsfähigkeit sowie ihr Maß an sozialer Teilhabe hin befragt. Vier Figuren prekärer/prekarisierter Subjektivität können aus dem öffentlichen Diskurs herausgearbeitet werden: Das Prekariat als Unterschicht, die niedrigqualifizierten prekär Beschäftigten sowie die hochqualifizierten Prekären stellen einander ausschließende, beinahe konkurrierende Entwürfe dar. Sie erzählen drei voneinander abgekoppelte Geschichten der Prekarisierung/Prekarität. Dagegen bündeln sich in der vierten Figur des uneindeutigen prekarisierten Subjekts verschiedene sozialstrukturell relevante Kategorien der Ungleichheit. Prekarität wird hier als eine Erfahrung vermittelt, die Hochqualifizierte mit Niedrigqualifizierten, ältere mit jüngeren Menschen, Menschen aller Geschlechter miteinander teilen. Diese Figur tritt damit als politisierende und verkettende Figur auf, über die soziale Ungleichheiten im Kontext von Prekarisierung/Prekarität tendenziell skandalisiert werden. Die Arbeit erläutert sowohl die diskursiven Argumentationsstränge als auch die gesellschaftspolitischen Implikationen in weiten Teilen entlang dieser vier, aus dem Material rekonstruierten Figuren.

 

Zielsetzung dieser Arbeit war es, Aushandlungsprozesse um hegemoniale Deutungsmacht zu rekonstruieren und damit offen zu halten für kritische Interventionen. Die Arbeit leistet darüber hinaus einen diskursanalytischen, hegemonietheoretisch und intersektional reflektierten Beitrag zur Prekarisierungsforschung. Forschungsgegenstand ist die öffentliche Diskursarena deutschsprachiger Printmedien, die über einen Korpus von rund 600 Texten aus vier Qualitätszeitungen unterschiedlicher geographischer und politischer Ausrichtung in einem dreitstufigen Analyseprozess empirisch erschlossen wurde. Methodisch wurden Anleihen bei der Grounded Theory sowie Ansätzen der sozialwissenschaftlichen Diskursanalyse genommen. 

 

Guney-Frahm, Irem

„Frauenermächtigung durch Mikrokreditvergabe - Fallstudien aus der Türkei" (Arbeitstitel)

Diese Arbeit untersucht Frauenermächtigung durch Mikrokredite am Beispiel des Grameen Programs in der Türkei. Die zwei Hauptfragen der Arbeit sind, welche Erfahrungen die Kreditnehmerinnen machen, und inwiefern diese Erfahrungen als Frauenempowerment bezeichnet werden kann. Die Türkei bildet dabei einen interessanten Fall mit ihren unterschiedlichen Geschlechterordnungen auf dem Land und in der Stadt und aufgrund der Migration auch innerhalb der Städte. 

Frauen und Entwicklungsprojekte für Frauen wie Mikrokredite zogen erst ab den 1970er Jahren die Aufmerksamkeit der globalen Entwicklungspolitik auf sich. Die unterschiedlichen Paradigmen der Mikrokreditprogramme von "Armutsbekämpfung" bis "Frauenempowerment" verweisen darauf, dass sich die Prioritäten dieser Programme parallel zur allgemeinen Entwicklungspolitik und damit zur globalen Frauenförderung bewegen, während die Befürworter der Mikrokredite argumentieren, dass diese Programme ein alternatives Entwicklungsverständnis haben als der u.a. von der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds vertretene Mainstream. Vor dem Hintergrund dieser Problematik werden zunächst internationale Entwicklungspolitik, Frauenförderung und Mikrokredite in dem entwicklungspolitischen und entwicklungstheoretischen Rahmen verortet. Entlang der modernisierungstheoretischen und modernisierungskritischen Perspektiven aus der Entwicklungssoziologie und Geschlechtersoziologie werden die Kontinuitäten in der Entwicklungspolitik und in den theoretischen Zugängen zu Entwicklung und Unterentwicklung herausarbeitet. Die empirischen Ergebnisse werden anschließend in diesen theoretischen Rahmen eingebettet.

Die empirische Untersuchung der Kreditnehmerinnen stellt die Subjektperspektive ins Zentrum und arbeitet im Gegensatz zu vielen Studien über Frauenempowerment nicht mit im Vorfeld festgelegten Indikatoren für Empowerment. Ein qualitativer Analyserahmen basierend auf dem Capability Ansatz, dessen feministischer Erweiterung und dem grundlagentheoretischen Konzept "alltägliche Lebensführung"  untersucht Empowerment als die Erfüllung der Erwartungen der Kreditnehmerinnen an das Programm, als erhoffte Erfüllung dieser Erwartungen und als vorteilhaftere Positionierung im Leben. Zwei weitere Dimensionen von Empowerment werden als "Non-Empowerment" und "Disempowerment" bezeichnet, wobei die erstere darauf verweist, dass keine Veränderung in der alltäglichen Lebensführung stattgefunden hat, und sich die zweite u.a. auf Hoffnungslosigkeit und erschwerte Lebensführung bezieht. Die Indikatoren von Empowerment werden somit nach der Auswertung der Interviews mit den Kreditnehmerinnen entwickelt und im letzten Schritt aus einer "Gender-Perspektive" diskutiert. Ziel der Arbeit ist mit der subjektzentrierten Herangehensweise und der Diskussion modernisierungstheoretischer Kontinuitäten in der Entwicklungspolitik einen methodischen und theoretischen Beitrag zu dem aktuellen Forschungsstand über Frauenempowerment durch Entwicklungsprojekte zu leisten.

 

Dr. Andreas Heilmann

"Normalität auf Bewährung. Outings in der Politik und die Konstruktion homosexueller Männlichkeit" Bielefeld: Transcript, 2011

link zur Verlagsseite

Ankündigungstext: »Ich bin schwul – und das ist auch gut so.« Klaus Wowereits spektakuläres Bekenntnis löste 2001 eine Kaskade von homosexuellen Politiker-Outings aus. Nach Jahren des einvernehmlichen Verschweigens scheinen homosexuelle Männlichkeit und Staatsräson im massenmedialen Diskurs nun erstmals vereinbar. Anhand der vier prominenten Fallbeispiele Volker Beck (Grüne), Klaus Wowereit (SPD), Ole von Beust (CDU) und Guido Westerwelle (FDP) untersucht Andreas Heilmann die Normalisierung homosexueller Männlichkeit in der printmedialen Berichterstattung – und zeigt, warum der homosexuelle Staatsmann einstweilen nur eine prekäre Normalität auf Bewährung repräsentiert.

 

Kurzbeschreibung: „Mein Chef ist schwul ... was tun?“– Normalisierung offen homosexueller Männlichkeit als pdf-Download

Artikel "Normalität auf Bewährung" (Welt vom 6. Oktober 2009)

Artikel "Homosexuelle Politiker - Politiker? Männlich? Schwul? Glückwunsch!" (stern.de vom 25. August 2009)

Artikel "Europe's Gay Leaders: Out at The Top" (TIME Magazine vom 18. Januar 2010)

 

Text "Im Vorhof gesellschaftlicher Normalität? Prominenten-Outings im printmedialen Diskurs" (ZtG-Bulletin Texte 36)

 

Karen Schierhorn

„Die Auswirkungen der Hartz-Arbeitsmarktreformen auf gering qualifizierte lanzeitarbeitslose Frauen“ (Arbeitstitel)

 

Im Zentrum meines Forschungsvorhabens steht die Frage nach den Auswirkungen der "aktivierenden Arbeitsmarktpolitik" auf die Erwerbsorientierung von gering qualifizierten, erwerbslosen Frauen in Deutschland. Das Erkenntnisinteresse richtet sich dabei sowohl auf die subjektiven Verarbeitungsformen ihrer Erwerbslosigkeit selbst, als auch auf die Wirkungspraxis der "Gesetze für modernen Dienstleistungen am Arbeitsmarkt" (Hartz-Gesetze). Gefragt wird, wie sich durch die "Kriterien der strengen Zumutbarkeit" die Orientierungen und Einstellungen der Frauen verändern und ob diese Veränderungen in 

Richtung der von den Reformen intendierten Wirkungen der "Steigerung ihrer Beschäftigungsfähigkeit" gehen. Geprüft wird die These, dass die Arbeitsmarktreformen bei dieser Gruppe nicht wie erwünscht wirken, da viele der Frauen aufgrund mangelnder Chancen auf dem Arbeitsmarkt alternative nicht erwerbsarbeitszentrierte Lebensentwürfe entwickelt haben.

 

Dr. Michael Frey

Projektkoordinator "Familienfreundliche Hochschule"

Technische Hochschule Wildau

Bahnhofstr. 1

15745 Wildau

Tel. +49 3375 508-647

 

"Autonomie und Aneignung in der Arbeit. Eine soziologische Untersuchung zur Vermarktlichung und Subjektivierung von Arbeit"

Vor dem Hintergrund der breiten arbeitssoziologischen Debatte zur Vermarktlichung und Subjektivierung von Arbeit fragt die Studie nach den Chancen für Autonomie und Aneignung in der Arbeit. Empirische Grundlage sind Materialien aus einer Untersuchung des Instituts für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin bei der Deutschen Bahn AG.

In einem ersten Schritt werden die Begriffe Autonomie und Aneignung theoretisch rekonstruiert und kritisch diskutiert. Dabei wird Autonomie in der Arbeit als Kontrolle der Beschäftigten über die wesentlichen betrieblichen Rahmenbedingungen ihrer Arbeit gefasst. Aneignung wird als Vermittlungskategorie verstanden: als subjektive Äußerung eines Anspruchs nach Kontrolle.

Dem folgt, als Kern des Buchs, eine empirische Umsetzung der Frage nach den Chancen von Autonomie und Aneignung in der Arbeit über die Differenzierung unterschiedlicher Autonomie- und Aneignungsebenen in den erfassten betrieblichen Bereichen. Entlang dieser Ebenen werden strukturelle und subjektive Autonomiechancen, Formen arbeitsbezogener Anerkennung sowie unterschiedliche individuelle Erwerbsorientierungen untersucht.

Zentrales Ergebnis ist, dass es trotz betrieblicher Strategien zur Vermarktlichung und Subjektivierung zur eigensinnigen Aneignung des erwarteten ‚unternehmerischen‘ Handelns durch die Beschäftigten kommt. Basis dafür ist die Ausbildung einer „erweiterten Subjektivität“ durch die Beschäftigten, die sich nicht auf eine Anpassung an betriebliche Vorgaben reduzieren lässt, sondern „widerständig“ darüber hinaus weist. Wichtiger Bezugspunkt dabei ist der aus Sicht der Beschäftigten integrale Zusammenhang von Arbeit und Leben.

Schlüsselwörter: Autonomie, Kontrolle, Aneignung, Subjektivierung, Vermarktlichung, Anerkennung, Erwerbsorientierung, Arbeit und Leben

Buchflyer

 

Dr. Alexandra Manske

Technische Universität Berlin
Geisteswissenschaftliche Fakultät
Institut für Gesellschaftswissenschaften und historisch-politische Bildung (Fachgebiet Politikwissenschaft)
Franklinstr. 28/29
10587 Berlin

Tel: 030/ 314 79 40 1

Email: alexandra.manske@tu-berlin.de

"Prekarisierung auf hohem Niveau. WebWorker und die Ungleichheitsordnung von Arbeit"

Abschluss der Dissertation: 2006 (Humboldt-Universität zu Berlin)
Monographie: Alexandra Manske (2007), Prekarisierung auf hohem Niveau. Eine Feldstudie über Alleinunternehmer in der IT-Branche, München und Mering

Die New Economy stand in der zweiten Hälfte der 90er Jahre vielfach im Brennpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit. Zunächst wurde sie als der "ganz große Spaß" (vgl. Klugkist 2003) verkauft. Sie schien ihren Akteuren nicht nur einen verkürzten, sozialen Aufstieg und beträchtliche finanzielle Verdienstmöglichkeiten zu bieten. Sie wurde gleichfalls zur Arena eines postindustriellen Lebensstils erklärt, in dem sich soziale Innovationen studieren ließen und die "Dynamik der immer neuen Technologien und der Wandel der Berufsstrukturen am deutlichsten erfahrbar (Hoff/ Ewers 2002) werde.

Abseits dieser nicht gerade nüchternen Analysen gab es neben der feuilletonistischen Begeisterung ebenso mahnende Stimmern. Die "neuen Erwerbstätigen" in der Internetindustrie seien das neue Proletariat eines digitalen Kapitalismus, der bisweilen gar als "Empire" (Hardt/ Negri 2002) bezeichnet wurde. Was jedoch die ersten euphorischen sowie düsteren Deutungen einte, war, dass sie von einem radikalen gesellschaftlichen Wandel ausgingen, den sie mitunter als paradigmatisch neuen Geist des Kapitalismus betrachteten und in Begriffe wie "Netzwerkgesellschaft" u.ä. kleideten (etwa Boltanski/ Chiapello 2003, Castells 2001).

Nachdem die Blase der New Economy im Jahr 2000 geplatzt und die Internet-Euphorie abgeflaut ist (Neff 2002), kann die "prosaische Arbeitsrealität" (Mayer-Ahuja/ Wolf 2004) in der Internetindustrie nun mit etwas zeitlichem Abstand und jenseits des Hype in den Blick genommen werden. Dies soll in vorliegender Untersuchung geschehen. Dabei interessiert, wie Erwerbstätige der Internetindustrie (WebWorker) in der gesellschaftlichen Ordnung von Arbeit verankert sind und auf welche Weise sie ihre spezifische soziale Lage bearbeiten. Wie, so ist zu fragen, wirkt sich der schnelle Wandel der Arbeitsbedingungen auf die Arbeitspraxis in der Internetindustrie aus und vor allem: Wie eignen sich solo-selbständige WebWorker ihre Arbeit an und wie gestalten sie ihre spezifische soziale Lage?

Konzipiert ist die Studie als empirieorientiertes Erklärungsangebot. Sie stützt sich auf eine qualitative Fallstudie in der Internetindustrie, die zwischen 2001 und 2002 in Berlin vornehmlich mittels Interviews sowie ergänzender Feldstudien erhoben wurde. Zudem meint "empirieorientiert", dass vorliegende Untersuchung das Ergebnis einer empirieorientierten Theoretisierung ist, wobei sich "empirisch" nicht nur auf die unmittelbar erhobenen daten bezieht, sondern auch auf sekunsärstatistische. Die Ausführungen resultieren folglich aus einem gleichzeitigen und wechselseitigen Erkenntnisprozess empirischer Beobachtungen sowie theoretischer Überlegungen.

(aus der Einleitung)

 

Dr. Susanne Völker

Dr. des. Susanne Völker
Universität Potsdam
Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät
Frauenforschung
Postfach 900327
14439 Potsdam
Tel: 0331 / 977 35 64

Email: svoelker@uni-potsdam.de

"Kategorie Geschlecht und marktradikale Individualisierung. Erwerbsorientierungen und Lebensarrangements ostdeutscher Frauen im (betrieblichen) Transformationsprozess"

Abschluss der Dissertation: 2002 (Humboldt-Universität zu Berlin)

Titel der Publikation: Hybride Geschlechterpraktiken. Erwerbsorientierungen und Lebensarrangements von Frauen im ostdeutschen Transformationsprozess. Wiesbaden 2004

 

In der Arbeit werden aktuelle Wandlungsprozesse in der Erwerbsarbeit als Durchsetzung eines veränderten Vergesellschaftungsmodus der Çmarktradikalen Individualisierung' charakterisiert. Mit dieser Vermarktlichung der Arbeitskraftnutzung und der Erwerbsintegration der Subjekte gehen, so die Ausgangsvermutung, möglicherweise auch partielle Veränderungen des betrieblichen und gesellschaftlichen Geschlechterverhältnisses einher. Wie ist also - so die theoretische Perspektive - das Verhältnis zwischen marktradikalen Individualisierungsprozessen einerseits und der Wirkungsmacht der Kategorie ÇGeschlecht' andererseits gegenwärtig zu fassen?

Empirische Grundlage ist eine qualitative Paneluntersuchung zu Erwerbsorientierungen und Lebensarrangements (überwiegend) ostdeutscher Beschäftigten der Deutschen Bahn AG. Der Untersuchungshintergrund ÇOstdeutschland' verweist dabei auf spezifische Konfigurationen, die sich einerseits aus der Pfadabhängigkeit des ostdeutschen Transformationsprozesses von den alten Bundesländern und andererseits aus dessen eigentümlichen historischen Grundlagen und aktuellen Dynamiken generieren. Insofern zeigen sich hier spezifische Gemengelagen der Anpassung an das dominante, ebenfalls in Veränderung begriffene westdeutsche Erwerbsarbeits- und Geschlechterregime und des eigenständigen, historisch anders geprägten Transformationsverlaufs in den neuen Bundesländern.

Diese spezifische Çostdeutsche' Gemengelage wird in der Arbeit als Anknüpfung an die Transformationsforschung auf drei Ebenen rekonstruiert:

- auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene über die historisch orientierte Charakterisierung der Arbeits- und Geschlechterregime der DDR, der Alt-BRD und der gegenwärtigen deutsch-deutschen Transformationsgesellschaft,
• auf der Mesoebene am Beispiel der betrieblichen Reorganisation ostdeutscher Unternehmensteile der Deutschen Bahn AG und ihren desintegrativen Effekten für unterschiedliche Beschäftigtengruppen und

- auf der Mikroebene subjektiver Orientierungen und Handlungsstrategien anhand der Herausarbeitung hybrider Selbstverortungen von ostdeutschen (überwiegend) weiblichen Beschäftigten zwischen DDR-geprägten Erwerbsarbeits- und Geschlechterpraxen, aktuellen ÇNormalitätserwartungen' und transformatorischen Anforderungen.

 

Als zentrales empirisches Ergebnis sind im Untersuchungsverlauf stärker instrumentelle Ausrichtungen unterschiedlicher Erwerbsorientierungen und zunehmende Friktionen in den privaten Lebensarrangements zu konstatieren. Der Wandel der erwerbsbezogenen Handlungsstrategien lässt sich dabei als subjektive Stellungnahme zu zwei Problemfeldern verstehen: der umfassend(er)en Vereinnahmung/Vermarktlichung der Arbeitskraft gerade auch in den weiblich segregierten Dienstleistungssegmenten und der vor allem in Ostdeutschland nachhaltigen Labilisierung der männlichen Erwerbsarbeit. Es wächst hier einerseits das Ungerechtig-keitsempfinden vieler Frauen angesichts geschlechterungleichen Belastungen und Arbeitsteilungen gerade auch im 'privaten' Bereich, es zeigen sich aber auch - erzwungene - Retraditionalisierungen von Lebensführungen. Insgesamt lassen sich die Wandlungsprozesse in den hybriden Orientierungen weder einseitig als Anpassungs-leistung, noch ausschließlich als Widerständigkeit gegenüber aktuellen gesellschaftlichen Anforderungen begreifen. Sie verweisen vielmehr aus Perspektive der subjektiven Wahrnehmungs-, Deutungs- und Bewertungsmuster auf einen anhaltenden ge-schlechterdemokratischen Reformbedarf.

Theoretisch zeigt sich 'Geschlecht' im Zuge der zunehmenden Vermarktlichung der Erwerbsintegration weniger als konsistente Strukturkategorie, sondern als notwendig kontext- und lebenskonfigurationsbezogene analytische Kategorie. So geht mit einer Relativierung, also Entschärfung der Wirkungsmacht von 'Geschlecht' als Dimension sozialer Ungleichheit in bestimmten gesellschaftlichen Teilbereichen und Kontexten, die Radikalisierung ihrer Wirksamkeit in anderen Konfigurationen und im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang einher.

Insgesamt ist die Arbeit im Schnittbereich 'Geschlechterforschung - Arbeitssoziologie -Transformationsforschung' zu verorten. Sie versteht sich als Beitrag zu einer feministisch orientierten Transformationsforschung, die die widersprüchlichen und ungleichzeitigen Konfigurationen von Arbeit, Leben und Geschlecht als Ausdruck von gesellschaftlichen Verschiebungen und subjektiven (Neu-)Orientierungen herausarbeiten und in die wissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Handlungsräume einführen möchte.