Humboldt-Universität zu Berlin - Makrosoziologie

Forschungsnetzwerk "Das wissenschaftliche Feld in Deutschland"

I. Projektbeschreibung

Versteht man im Anschluss an Bourdieus Homo Academicus (1988) oder Richard Münchs Die akademische Elite (2007) die Wissenschaften als ein akademisches Feld, so rücken der marktliche Charakter sowie die Konkurrenzverhältnisse des Feldes unmittelbar in den Mittelpunkt des Forschungsinteresses. Wie auf allen anderen gesellschaftlichen Feldern – so die zentrale These – zeichnet sich auch das wissenschaftliche Feld dadurch aus, dass die Akteure des Feldes mit ungleichen Tauschchancen ausgestattet sind und um knappe Ressourcen konkurrieren wie z. B. Forschungsmittel, Lehrstühle, Professuren, MitarbeiterInnenstellen, Publikationen, Auszeichnungen, Stipendien, Konferenzteilnahmen, Vorträge oder zentrale Lehrveranstaltungen. Eine solche Perspektive betont somit explizit die bestehenden Macht- und Ungleichheitsstrukturen im wissenschaftlichen Feld und richtet ihr Interesse auf die (häufig negativen) Folgen solcher Ungleichheitsstrukturen. Indem die Entscheidungen von ProfessorInnen als Akteure mit dominanten Positionen (Arbeitgeber, Herausgeber, Gutachter etc.) die Spielregeln und Erfolgskriterien für das Feld mitbestimmen, d.h. festlegen welche wissenschaftlichen Leistungen Anerkennung finden, kommt ihnen und ihrer etablierten Position eine zentrale Rolle in der Genese und Reproduktion des Feldes zu.

Die Forschungsgruppe widmet sich der empirischen Analyse der Distinktionskämpfe im wissenschaftlichen Feld in Deutschland. Notwendig ist ein solches "Forschungsnetzwerk Wissenschaftssoziologische Feldanalyse", weil die zu Grunde liegenden Konkurrenzkämpfe neben den materiellen Ressourcen insbesondere über die wissenschaftlichen Inhalte und Methoden entscheiden.

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II. Projektmitglieder

 

Leitung

  • Dr. Alexander Lenger
  • Christian Schneickert

 

Mitglieder

  • Stefan Priebe
  • Tobias Rieder
  • Christopher Wimmer
  • Salvatore Calabrese

 

Institutionelle Kooperation

  • Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau
    Institut für Soziologie / Global Studies Programme
  • Goethe Universität Frankfurt am Main
    Fachbereich Wirtschaftswissenschaften / Arbeitsstelle Wirtschaftsethik
  • Humboldt-Universität zu Berlin
    Institut für Sozialwissenschaften / LB Vergleichende Strukturanalyse

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III. Teilprojekte

1. Studentische MitarbeiterInnen und Hilfskräfte

Mitarbeiter:
Christian Schneickert, Alexander Lenger, Stefan Priebe, Tobias Rieder, Christopher Wimmer

Beschreibung:
Das Forschungsprojekt untersucht die Situation und Lage studentischer Hilfskräfte und MitarbeiterInnen im deutschen Bildungswesen. Das empirische Material besteht aus 16 einstündigen, biographischen, teil-narrativen Leitfadeninterviews, einer bundesweiten Telefonbefragung von Personalräten deutscher Universitäten, 10 ExpertInneninterviews mit ProfessorInnen und einer quantitativen Erhebung. Letztere ist die eigentliche Haupterhebung, die auf einer bundesweiten repräsentativen Online-Befragung von 3961 studentischen MitarbeiterInnen zwischen Januar und Mai 2011 beruht. Neben den quantitativen Daten werden auch die Ergebnisse einer qualitativen Interviewbefragung von 16 Hilfskräften an der Universität Freiburg miteinbezogen. Das Forschungsprojekt stellt somit die erste bundesweite, empirische und theoretische Abhandlung zur Rolle der Hilfskrafttätigkeit im deutschen Bildungswesen dar.

Theoretisch werden die Ergebnisse arbeitssoziologisch, mit dem Konzept des ‚Arbeitskraftunternehmers‘ als moderne Form der Selbstausbeutung, und bildungssoziologisch, als Strategie im wissenschaftlichen Feld nach dem Konzept Pierre Bourdieus, eingeordnet.

 

Publikationen:

  • Schneickert, Christian (2013): Studentische Hilfskräfte und MitarbeiterInnen. Soziale Herkunft, Geschlecht und Strategien auf dem wissenschaftlichen Feld. Konstanz: UVK.
  • Lenger, Alexander/Christian Schneickert/Stefan Priebe (2012): Studentische MitarbeiterInnen. Zur Situation und Lage von studentischen Hilfskräften und studentischen Beschäftigten an deutschen Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Frankfurt am Main: Gewerkschaft Erziehung und Wis-senschaft (GEW).
  • Schneickert, Christian/Alexander Lenger (2010): Studentische Hilfskräfte im deutschen Bildungswesen. In: Berliner Journal für Soziologie (20), 2: 203-224.

 

Vorträge / Presse

  • Lühmann, Holger (2010): Arme Hiwis? Prekäre Arbeitssituation mit tollen Karrierechancen. Deutsch-landfunk: Campus und Karriere (2. November 2010). Unter: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/campus/1309198/
  • FAZ (2010): Unsichtbarer Doktorhut. Zur Lage der studentischen Hilfskräfte. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, (190), 18. August 2010: N5.
  • Budde, Joachim (2011): Ausbeute der Ausbeutung. In: Zeit Campus (März/April), Nr. 2: 41.

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2. Die Promotion als Reproduktionsmechanismus sozialer Ungleichheit

Mitarbeiter:
Alexander Lenger

Beschreibung:
Seit Beginn der 1990er Jahre ist ein zunehmendes Interesse an sozialwissenschaftlichen Untersuchungen über die langfristigen Folgen der Bildungsexpansion für die Reproduktion der Sozialstruktur und den Abbau sozialer Ungleichheiten zu beobachten. Die empirischen Ergebnisse belegen, dass von einer Auflösung der Klassengesellschaft und vom Verschwinden sozialer Ungleichheiten keine Rede sein kann. Trotzdem werden die Mechanismen, die für die ungleiche Verteilung von Bildungschancen verantwortlich sind, noch immer kontrovers diskutiert. Gegen die Position, dass ungleiche Bildungserfolge vor allem aus einer unterschiedlichen genetischen Ausstattung mit Intelligenz resultieren, hat der Soziologe Pierre Bourdieu die strukturierende Bedeutung sozialer, kultureller und ökonomischer Faktoren herausgestellt.

Entsprechend ist die Frage nach der sozialen Herkunft mittlerweile zu einem unverzichtbaren Bestandteil der Sozial- und Bildungsforschung geworden. Allerdings liegen bisher kaum aussagekräftige Daten über die soziale Herkunft von Promovierenden vor, obwohl empirische Studien belegen, dass mit einer Promotion ein überdurchschnittlich gehobener sozialer und beruflicher Status verbunden ist. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die bisherigen Forschungsergebnisse aufgrund fehlender Daten oder der schematischen Konzentration auf einzelne Promotionsfächer wenig geeignet sind, um adäquate Aussagen über die soziale Herkunft von Doktorandinnen und Doktoranden zu treffen. Um diese Forschungslücke zu schließen, wurde im April 2006 eine empirische Befragung von 1876 Promovierenden aus 93 Fächern durchgeführt. Ziel der Untersuchung ist es, die Wechselwirkungen zwischen der Kapitalausstattung und der Möglichkeit zur Promotion von Doktorandinnen und Doktoranden darzustellen und systematische Ungleichheiten aufzuzeigen.

Publikationen:

  • Alexander Lenger (2008): Die Promotion. Ein Reproduktionsmechanismus sozialer Ungleichheit, Konstanz: UVK-Verlagsgesellschaft.
  • Alexander Lenger (2009): Ökonomisches, kulturelles und soziales Kapital von Promovierenden: Eine deskriptive Analyse der sozialen Herkunft von Doktoranden im deutschen Bildungswesen, in: Die Hochschule. Journal für Wissenschaft und Bildung 2, 104-125.

Vorträge

  • 10.- 12. Oktober: 1. Treffen der AG „Erziehung und Bildung“, Evangelisches Studienwerk, Villigst. Vortrag: „Soziale Ungleichheit im deutschen Bildungswesen: Die Promotion – Ein Reproduktionsmechanismus sozialer Ungleichheit“.
  • 17.-20. Dezember: Promovierendentreffen zum Thema „Bildung“, Evangelisches Studienwerk Villigst, Schwerte. Workshopleitung zum Thema: „Die soziale Herkunft von Promovierenden“.
  • 24. April: TazLab 2010, Bildung: Welche Universitäten wollen wir? Podiumsdiskussion zum Thema: „Arme Forscher: Zwischen Professur und Proletariat. Die Leibeigenen: Über Lehrbeauftragte, HiWis und Juniorprofs“.

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3. Das Feld der Wirtschaftswissenschaften

Mitarbeiter:
Alexander Lenger

Beschreibung:
Das Teilprojekt will die aktuellen Distinktionskämpfe im wirtschaftswissenschaftlichen Feld erstmalig für Deutschland herausarbeiten. Notwendig ist eine solche Analyse, weil die Distinktionskämpfe neben den materiellen Ressourcen insbesondere auch über die Inhalte und Methoden der modernen Ökonomik entscheiden. So kann die neoklassische Dominanz im wirtschaftswissenschaftlichen Feld als Folge der Positionierung von WissenschaftlerInnen interpretiert werden. Hierbei – so die zentrale These des geplanten Forschungsprojektes – findet die hierarchische Abgrenzung der dominanten Positionen gegenüber untergeordneten Teilfeldern, wie beispielsweise der Ordnungsökonomik, der neuen Institutionenökonomik, der feministischen Ökonomik oder der Wirtschaftsethik, jedoch insbesondere durch eine Mathematisierung und Formalisierung statt, welche zu einer fachimmanenten Immunisierung des neoklassischen Paradigmas führt. Gestützt wird dieser Immunisierungsprozess durch den Rückgriff auf einen (vermeintlich) interdisziplinären, internationalen und wertfreien Forschungsprozess. Ziel des Forschungsprojektes ist es zu untersuchen, wie genau dieser Prozess seine Entsprechung in einer zunehmenden Ausrichtung der deutschen Wirtschaftswissenschaften an angelsächsischen Lehrkonzepten, an Englisch als Publikationssprache, an quantitativen Forschungsmethoden und an Peer-Review-Prozessen hat.

Damit knüpft das Forschungsprojekt unmittelbar an Richard Münchs Kernthese zur sozialen Konstruktion wissenschaftlicher Exzellenz an, dass sich hinter der immer stärker werdenden Wettbewerbs- und Exzellenzrhetorik im deutschen Wissenschaftssystem Monopolbildungsprozesse verbergen, die gerade nicht zur Stärkung, sondern zur Schwächung der Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Universitäten führen. So argumentiert Münch, dass mit der wissenschaftlichen Konzentrierung durch Förderung von Eliteuniversitäten, Sonderforschungsbereichen, oder Excellenzclustern kleine Fächer, hetereodoxe Forschungsansätze und wissenschaftliche Spezialgebiete in den Geistes- und Sozialwissenschaften auf der Strecke bleiben. Durch die Reduktion der Vielfalt bzw. der Abwesenheit eines Ideenwettbewerbs – so sein Argument – werden immer stärker standardisierte und vereinheitlichte Wissenschaftslandschaften erzeugt, was zu Lasten der Leistungsfähigkeit der Wirtschaftswissenschaften geht.

Entscheidend für die Zukunftsfähigkeit der Wirtschaftswissenschaften ist eine realitätsnahe Abbildung menschlichen Verhaltens, die gegenstandsbezogene Analyse von gesellschaftlichen Problemen sowie die Übertragbarkeit auf praktische Fragen die Gestaltung der Wirtschaftsordnung betreffend. Das Forschungsprojekt soll sich dementsprechend intensiv mit der Frage der drei relevanten wissenschaftlichen Entwicklungen moderner Sozialforschung befassen (zunehmende Internationalisierung, Interdisziplinarität und Werturteilsfreiheit) und abschließend Empfehlungen ableiten, wie dem Problem einseitiger Fokussierung auf bestimmte Inhalte zwecks Positionierung im wirtschaftswissenschaftlichen Feld begegnet werden kann.

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4. Das soziologische Feld

Mitarbeiter:
Tobias Rieder / Christopher Wimmer / Christian Schneickert

Beschreibung:
Soll das wissenschaftliche Feld einer soziologischen Analyse unterzogen werden, gilt es zu beachten, dass SoziologInnen keine neutralen Außenstehenden, sondern selbst ein Teil der Gesellschaft und des akademischen Feldes, das sie beobachten, sind. Auch sie sind in ihren Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata durch die Gesellschaft, in der sie leben, und durch das akademische Feld der Soziologie, in dem sie sich bewegen, geprägt. Die soziologische Analyse des soziologischen Felds ist daher ein bedeutender Bestandteil einer Untersuchung des wissenschaftlichen Felds.
Einen ersten Schritt in diese Richtung soll die empirische Untersuchung der Theoriepräferenzen von Soziologiestudierenden bilden. Das Datenmaterial dieses Projekts basiert auf einer Online-Befragung von 412 Studierenden der Soziologie und Sozialwissenschaften in verschiedenen deutschen Bundesländern im März 2012. Durch einen Vergleich der soziologischen TheoretikerInnen, die die Studierenden bevorzugen, mit der sozialen Herkunft der Studierenden und anderen sozialstrukturellen Merkmalen wie ihrem Geschlecht und dem Bundesland, in dem sie studieren, lässt sich zeigen, welche Zusammenhänge zwischen sozialem Sein und soziologischem Bewusstsein existieren.

Publikationen:

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5. Internationalisierung des wissenschaftlichen Feldes

Mitarbeiter:
Alexander Lenger, Christian Schneickert, Florian Schumacher

Beschreibung:
Angesichts der zunehmenden internationalen Vernetzung von Universitäten und WissenschaftlerInnen stellt sich die Frage, welche Folgen hieraus für das wissenschaftliche Feld resultieren. Hierbei geht es aber im Gegensatz zu den meisten anderen Forschungsprojekten in diesem Bereich weniger um die Frage, welche Strukturen die deutsche Forschung braucht, um im internationalen Wettbewerb Effizienz und Wettbewerbsfähig zu bleiben bzw. welchen Beitrag die Politik leisten kann, um Hochschulen und Forschungseinrichtungen dabei zu unterstützen, international mobilen Forscherinnen und Forschern attraktive Rahmenbedingungen und die notwendigen Freiräume zur Forschung zu bieten. Vielmehr steht die Frage nach globaler Ungleichheit im Mittelpunkt des Forschungsinteresses, d.h. es soll analysiert werden, wie ForscherInnen – insbesondere aus dem globalen Süden – gleichwertig am globalen Wissensprozess beteiligt werden können und wie es gelingen kann, einen macht- bzw. hierarchiefreien globalen wissenschaftlichen Diskurs zu realisieren. Hierbei gilt es insbesondere die Tatsache zu berücksichtigen, dass auf globaler Ebene weiterhin eine ungebrochene Dominanz europäischer und US-amerikanischer Theorien besteht, welche eine Verbreitung alternativer Theorien aus dem globalen Süden verhindert. Zudem will das Forschungsprojekt klären, ob und inwieweit derzeit die Genese eines homogenen globalen Feldes zu beobachten ist, welches bei der Besetzung wissenschaftlicher Positionen auf universelle Reproduktionsmuster zurückgreift, oder ob es sich bei den gegenwärtigen Verdichtungsprozessen nicht doch eher um eine Internationalisierung nationaler Wissen-schaftsfelder handelt, die weiterhin eigenen Rekrutierungsregeln etc. folgen.

Publikationen:

  • Lenger, Alexander/Christian Schneickert/Florian Schumacher (2011): Widening Global Access. The need for a paradigm shift from excellence to responsibility in international higher education. In: International Journal for Management Concepts and Philosophy (5), 4: 354-373.

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