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Humboldt-Universität zu Berlin - Makrosoziologie

Humboldt-Universität zu Berlin | Institut für Sozialwissen­schaften | Makrosoziologie | Vormaliger LB Vergleichende Strukturanalyse | Forschung | Forschungsprojekte | Die Struktur und die Transformation des islamischen Diskurses in der ägyptischen Öffentlichkeit

Die Struktur und die Transformation des islamischen Diskurses in der ägyptischen Öffentlichkeit

DFG-Projekt

Die Struktur und die Transformation des islamischen Diskurses in der ägyptischen Öffentlichkeit: zwischen der Differenzierung der diskursiven Vermittlungskompetenzen, den Entdifferenzierungsbestrebungen sozial-ethischer Normierungen und der Fragmentierung/Pluralisierung des Publikums

Zusammenfassung der Ergebnisse:

Dieses Projekt hat die Neuformierung und Funktionalisierung des islamischen Diskurses in der ägyptischen Öffentlichkeit ab Mitte der 1960er bis Ende der 1990er Jahre untersucht. Es ging dabei um drei für die Definition von "Diskurs" und "Öffentlichkeit" konstitutive Prozesse:

  • die interne und externe Differenzierung eines religiösen Feldes und der darin teils alten, teils neuen legitimierten Diskursträger;
  • die Reformulierung des islamischen Diskurses durch seine Diskursträger im Zuge der oben genannten Differenzierung wie der Transformation einer durch die Presse und dann ab den 1970er Jahren maßgeblich durch die elektronischen Medien geprägten Öffentlichkeit;
  • die Herausfilterung, Aneignung und Zerlegung des islamischen Diskurses durch "lebensweltliche" Mikroinstanzen, die durch die Mechanismen der Öffentlichkeitsproduktion zur Fiktion eines "Publikums" gerinnen.

Durch die theoretische Aufrüstung des Begriffs des Traditionsdiskurses und die Analyse des islamischen Diskurses in zahlreichen ägyptischen Presseorganen vor allem zu Anlass des Fastenmonats Ramadans haben wir zunächst den Diskurs rekonstruiert, der nach dem Wendepunkt des Kriegs gegen Israel in Juni 1967 in mehreren Medien drastisch an Bedeutung gewann. Das wichtigste Ergebnis ist die Entdeckung eines Bruchs in der Struktur und Funktion des Diskurses gewesen, nämlich die Überlagerung der traditionellen regulierend-disziplinierenden Diskursfunktionen durch eine normativ-entdifferenzierende Funktion. Durch diese normative Aufrüstung fügt sich der Traditionsdiskurs in die moderne Kategorie des Diskurses sowie in die normativ geladene Funktion moderner Öffentlichkeiten ein. Im Vergleich zu Regulierung stellt Normierung eine komplexere Form der Konditionierung sozialen Handelns dar. Wir erkennen in der sozialen Ausdifferenzierung von Handlungsfeldern die Hauptursache dieses Funktionswandels des islamischen Diskurses.

Durch eine zusätzliche Öffentlichkeitsanalyse sind wir ein Schritt weiter gegangen. Wir haben nicht nur die im Diskurs selbst inkorporierten, normativen Voraussetzungen einer modernen Öffentlichkeit anvisiert, sondern im oben definierten Dreieckgespann zwischen Diskurs, differenzierten Handlungsfeldern und fragmentierten Lebenswelten - die zugleich das Publikum bilden - den "Öffentlichkeitskreislauf" des Diskurses verfolgt. Zu diesem Untersuchungszweck haben wir neben der Diskurs- auch eine Netzwerks- und Publikumsanalyse sowie eine Ethnographie von öffentlichen Räumen ausgeführt.

Diese empirische Öffentlichkeitsanalyse haben wir auf die Persönlichkeit des führenden ägyptischen Intellektuellen und Medienstars Mustafa Mahmud zentriert. Er ist seit Ende der 1960er Jahren ununterbrochen im Mittelpunkt der ägyptischen Öffentlichkeit gewesen. Die multimediale Persönlichkeit Mustafa Mahmud, Autor zahlreicher Bücher und Artikel in der Tages- und Wochenpresse, ist auch einer der Pioniere des ägyptischen Fernsehens sowie der Gründer und Vorsitzende des wichtigsten islamischen Hilfsvereins Kairos gewesen, der sich auf medizinische Dienstleistungen spezialisiert hat. Sowohl sein Diskurs als die Inszenierung seiner Fernsehauftritte in einer berühmten Serie über "Wissenschaft und Glauben" und nicht zuletzt die Dienstleistungen seines Hilfsvereins und die rituelle Zelebrierungen in seiner Moschee haben aus ihm einen Publikumsliebling, aber auch eine sehr kontroverse Persönlichkeit in intellektuellen und Medienzirkeln gemacht.

Das Publikum beurteilt und klassifiziert nicht nur ihn, sondern durch ihn den islamischen Diskurs in seinem Verhältnis vor allem zur Wissenschaft, aber auch zu lebensweltlichen, prinzipiell traditionsunabhängigen oder gar lebensfeindlichen Werten des "guten Lebens", die Mustafa Mahmud sowohl in seiner stilisierten Autobiographie verkörpert als auch in seinem Diskurs thematisiert. Hier erhält der Diskurs neben der "traditionellen" (regulierend-disziplinierenden) und der "modernen" (normativ-entdifferenzierenden) eine dritte Funktion, nämlich diejenige, auch kulturelle Maßstäbe des "guten Lebens" zu definieren. Diese Funktion ist gleichzeitig "vortraditioneller" Natur, weil das "tugendhafte Leben" der Zivilisationstraditionen das "gute Leben" vorheriger Kulturen überlagert und dezentriert, und "postmodern", weil sie zunehmend vom kulturellen Markt und nicht zuletzt Fernsehwerbungen, die gerade während des Ramadans um ein Vielfaches steigen, bestimmt wird.

Leitung: Prof. Dr. Klaus Eder
Projektmitarbeiter: Dr. Armando Salvatore